Dietmar Seibert
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Kurzgeschichten 1

Die Texte auf dieser Seite sind weniger Kurzgeschichten, sondern eher Impressionen, Blickwinkel oder Momentaufnahmen von Situationen. Sie sind so etwas wie kleine Spiegelbilder von Umständen und Umgangsformen in und mit denen wir leben und über die wir nachdenken sollten.

1. Überleben untersagt! (Erlebt von einer Schülerin)

„Eigentlich hätte die Polizei dich nicht befragen dürfen, jedenfalls nicht in dem Zustand. Aber nun ist es, wie es ist. Ich denke, wir bekommen das wieder hin." Er schob ein Kärtchen seiner Kanzlei über den Tisch und blätterte in seinen Papieren. Es war ihr selbst unbegreiflich, dass sie sich anfangs nicht an den silbernen Audi erinnern konnte. Kati hatte gerade am Radio herumgespielt, als es passierte. Sekunden und ihr Auto hatte sich gedreht, überschlagen, war die Böschung hinunter gekullert und mit der vorderen Dachkante gegen den Baum geschlagen. Dann war alles still. Sie meinte Rauch gesehen zu haben und hatte geschrien: „Scheiße! Kati, wir müssen hier raus." Beim Überrollen waren sie beide nach hinten geschleudert worden, weil sie sich nicht angeschnallt hatten. Das war wohl ihr Glück. Die Polizei bestätigte es: „Ihr hattet Glück! Vorne hätte keiner überlebt." Die beiden Typen, die ihnen aus dem Auto geholfen hatten, kannte sie nicht. Sie hätten den Hergang bezeugen können. Sie waren ihnen aus dem Black Inn gefolgt und hatten den Audi gesehen. Den Spuren zur Folge war aber allein ihr Auto ins Schleudern geraten und von der Straße abgekommen. Nun hatte sie es so im Protokoll unterschrieben. Nach Zeugen hatte niemand gefragt. „Beruhig dich erst mal und setz dich her...", hatte der eine gesagt, „Willst du ne Zigarette?", den Arm um sie gelegt und die Hand unter ihr T-Shirt geschoben. Ihr war jetzt bestimmt nicht nach Zigaretten und schon gar nicht danach zumute. Der andere hatte gesagt, es sei ein silberner Audi gewesen. Das Schwein sei einfach abgehauen. „Der hat dich ganz schön geschnitten äi, aber du bist rasant links vorbeigezogen. Coole Leistung!" Beim Versuch sich von seiner Hand zu befreien, hatte sie ihn angefasst. „Scheiße äi, du blutest ja! Da, deine Hände sind ja voller Blut. Deine Hose auch." Der andere hatte ihre Handtasche durchwühlt, um mit ihrem Händy die 112 zu verständigen. „Ihr versteht doch, dass wir uns verpissen, bevor die Bullen kommen." - „Jaja, schon klar!"

Jetzt meinte ihr Anwalt: „Wir müssen unbedingt diese Zeugen finden! Kannst du dich noch an irgendetwas erinnern? Und warum hast du gegenüber der Polizei nicht einfach die Aussage verweigert?" Sie wusste es nicht. „Nun gut, es ist wie es ist." Kati hatte gar nichts gesagt. Sie hatte völlig unter Schock gestanden. In der Notaufnahme hatten sie sie gleich dabehalten. Gehirnerschütterung. Sie selbst hatte lediglich Schnittwunden von den Seitenairbags, die Rettungssanitäter hatten sie bereits versorgt. Komisch, erst hatte sie überhaupt keinen Schmerz gespürt, doch jetzt tat immer noch alles weh. Ihre Mutter hatte gesagt: „Ihr hattet einen Schutzengel." Ihr Vater: Es sei ja nur ein Blechschaden. Aber jetzt diese Amtsschimmel. Sie würde um eine Nachschulung nicht herumkommen. „Aber ich konnte doch nichts dafür!" Achselzucken. Sie habe den Führerschein noch auf Probe und nach den Fakten sähe es so aus, als habe sie in der Kurve die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren und sich überschlagen, nach nichts sonst. Von dem mysteriösen Dritten fehle jede Spur, von den beiden Zeugen ebenfalls, bis auf die Stimmaufzeichnung in der Notrufzentrale, allerdings von ihrem eigenen Handy aus. Da ließe sich nichts verfolgen. Die Versicherung erhob Ansprüche, weil sie nicht angeschnallt gewesen waren. Außerdem sei es das Fahzeug ihres Vaters gewesen, das sie aus versicherungsrechtlichen Gründen gar nicht hätte fahren dürfen, lediglich im Notfall, der sich natürlich nicht nachweisen ließ. Die Leitplanke sei kaputt, das würde teuer. Die Krankenkasse monierte, dass ihr Transport im Rettungswagen nicht erforderlich gewesen sei. Bezüglich Katis Verletzungen, die nun wohl doch noch länger im Krankenhaus würde bleiben müssen, gab es eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung. Sie habe als Fahrerin dafür Sorge zu tragen, dass sich ihre Mitfahrer anschnallten. Die Ausbildungsstelle würde sie wohl vergessen können. Mobilität war die Voraussetzung. Den Vertrag hätte sie morgen unterschreiben können. Eben hatte die Firma angerufen, da gäbe es Probleme, wenn sie keinen Führerschein hätte. „Was hab ich denn falsch gemacht?" Ihr Anwalt grinste in die Mundwinkel. „Falsch war, dass ihr überlebt habt." - „Und, das ist verboten?" - „Es klingt grotesk, ich weiß, aber Überleben, weil man gegen eine bestehende Vorschrift verstößt, ist eben in unserer Rechtsprechung nicht vorgesehen.

Dietmar Seibert, Mai 2008


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Er hatte sich ins Seitenschiff geschlichen, nahe am Ausgang. Es hätte niemand verstanden, wenn er nicht zu diesem Orgelkonzert gegangen wäre, doch interessieren tat es ihn nicht. Nicht, weil es das Konzert eines anderen war - die Leute verstanden das nicht. Wer wie er in der Musik lebte, fand es eben nicht besonders interessant, wenn irgendein Kollege irgendwie Bach spielte. Die Kirche füllte sich, in seiner Bank rückten sie auf. „Ach Herr Kantor, ist die Akustik hier gut?" Wen sonst sollten sie das auch fragen? „Ich weiß es nicht...", gab er zurück. „Ich sitze für gewöhnlich nicht hier." Es klang bescheiden, er lächelte, die besseren Plätze überließ er ihnen. Für gewöhnlich stand er am Dirigentenpult oder saß selbst an der Orgel. Jeder hier kannte ihn. Er spürte, dass es so war. Er war hier die Nummer Eins: Kantor mit Kontakten zur Oper. Seinen Chorsängern hatte er ein Selbstbewusstsein eingeimpft, das sie gegen jegliche Leistungen anderer Chöre immun machte. Seine Soprane himmelten ihn an, seine Orgelschüler verehrten ihn. Seine Oratorien waren ausverkauft, er hatte seine Sponsoren. Doch heute spielte ein anderer und als dieser auftrat, applaudierte sein Publikum. Es tat nicht weh, aber es ärgerte, weil sie den Niveauunterschied nicht begriffen. Es war die Gunst der Unwissenden. So konnte er es ihnen verzeihen. Es ging schließlich nicht darum, irgendwie Bach oder Reger zu spielen. Es ging um's Interpretieren! So manchem Schüler hatte er sagen müssen: „Bravo! Aber das war keine Interpretation."

Als die Orgel begann, lehnte er sich erwartungsvoll zurück, Bässe dröhnten durchs Fundament, er schlug die Beine übereinander, schaute sich um, hin und wieder griff er nach dem Programm, setzte die Lesebrille auf, Mixturen und Zimbeln flatterten um die Säulen und verloren sich im Chorgewölbe, er verschränkte die Arme, fuhr sich durch den Bart, bestaunte die Deckenbemalung seiner Kirche, zu deren Deutung die Musik seine Phantasie aber heute nicht beflügeln konnten. Es setzte ihm zu, wie dieser sein Instrument beherrschte. Er war angespannt, doch er zwang sich zur Gelassenheit. Er wurde gesehen. Einer wie er wurde immer gesehen. Nun schloss er mit süßlich gespitzten Lippen die Augen, dann schüttelte er entsetzt den Kopf oder nickte gütig. Zeitweilig bewegten sich seine Finger mit der Musik, erst im Tempo, dann wieder in einem anderen, in seinem, dem richtigen Zeitmaß. Wenn der Kollege zu waghalsig in die Register griff, oder die Walze zu schroff bediente, erschrak er, dann lächelte er wieder wohlwollend. Er applaudierte, denn es wurde applaudiert. Zwischen den Sätzen applaudierte er nicht und wenn er applaudierte, dann bedacht und nur mit Zeige- und Mittelfinger in die flache Hand. Er verglich sich mit seinem Konkurenten, beunruhigt, doch schließlich fand er sich überlegen, was auch sein Publikum begreifen würde. Die Hauptrollen hier besetzte nun einmal er und er machte es mit Bravour! Heute war es eine Pantomime mit dem Titel: „Hören und gesehen werden", authentisch und mit dem Ausdruck fachlicher Kompetenz, selbstbeherrscht und mit einer Spur herablassender Güte.

Während des letzten Stückes beendete er seinen Auftritt. Er steckte seine Lesebrille ins Futteral, stand auf und verließ die Kirche durch das Seitenportal. Schließlich gab es noch Arbeit am Schreibtisch und später die Probe mit dem Bachchor.

Dietmar Seibert, Juli 2008


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3. Sternstunde

Ich wusste, dass es ein Traum war. Ich befand mich im Fotostudio Vögele und hatte mir ein paar Sätze zurechtgelegt, mit denen ich dem Fotografen mein Anliegen erklären wollte. Es war Herr Binkle. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, Herrn Binkle hier als Fotografen zu sehen. Eigentlich kannte ich ihn aus der Autowerkstatt. Um was es mir ging, war in dem Traum unklar, aber ich fühlte, dass ich von einer großartigen Idee besessen war. Binkle beriet gerade eine Kundin, die aber mit keinem seiner Porträts von ihr so recht zufrieden war und so schmeichelte er ihr mit Komplimenten, in denen es längst nicht mehr um die Bilder ging. Es schien länger zu dauern. Ich spürte, dass ich störte. Immer wieder schaute ich auf die Uhr und überschlug die Parkzeit. Mein Auto stand gleich um die Ecke. In Gedanken hatte ich inzwischen meine ausgeklügelte Idee, zumindest die Beschreibung dieser Idee, auf ein paar kurze Hauptsätze reduziert und schließlich soweit zusammengestutzt, dass sie sich in einem einzigen Satz erklären ließ.

Die Kundin begann gerade es zusehends zu genießen, wie Binkle ihr den Hof machte, als eine vierköpfige Familie das Studio erstürmte, um nachgestellte Szenen ihres Abenteuerurlaubs fotografieren zu lassen. Die beiden Jungen kreischten und hielten Waffen im Anschlag für eine Jagdszene. Ihr Vater, der mich ein wenig an Heinz Erhard erinnerte, band sich ein Stirnband um und dichtete, worin seine Frau und Binkle ihm folgten, und dann tanzten und alberten sie durch das Atelier wie junge Antilopen. Die beiden Bälger zielten mit ihren Waffen und amten mit den hohen Stimmchen die Schüsse nach: „Peng, peng, peng". -

Nachdem ich mein Anliegen auf ein Standartangebot aus dem ausgelegten Prospekt reduziert hatte, das ich mit einem einzigen Fingerzeig hätte vorbringen können, verließ ich schließlich unverrichteter Dinge das Studio. Draußen war es dunkel geworden. Es kam mir vor, als ob ich irrsinnig lange gewartet hätte und ich war nichteinmal angehört worden. Vor meinem Auto stand ein mittelgroßer Mann mit grauem Haar und einem kurzärmeligen Hawai-Hemd, vor dessen großen orangen Blütenmustern er seine gebräunten Arme verschränkte. Er deutete mit der Hand, dass er mit mir reden wollte. „Ich habe Sie beobachtet wie Sie hineingegangen sind. Sie hatten doch ein wichtiges Anliegen. Zumindest haben Sie lange dafür angestanden. Es ist aber nicht gebongt worden. Was ist den Vorgefallen? Ich bin schließlich der Inhaber des Studios." Ich erinnerte mich, dass Binkle das gleiche Hemd trug und beschloss, mich ihm anzuvertrauen. Jetzt schien sich das Blatt zu wenden. Ihm würde ich sicher meine Idee erklären können. Endlich würde mir jemand zuhören!

Nun war es, als säßen wir in seinem Garten. Es war wieder heller Tag und die Sonne schien weiß vom Himmel. Er hatte mir einen Cocktail gemixt und wir saßen in seinen Sesseln aus kunstvoll geflochtenem Rattan vor seinem Swimmingpool und rauchten kubanische Zigarren. Doch ich merkte, dass auch er mir nicht zuhörte. Er stand immer wieder auf und verlor sich darin, mir immer neue Varianten seiner Cocktailkreationen zu verordnen. Dann holte er einen Nachbarn hinzu, der ihm helfen sollte, einen Sonnenschirm aufzubauen. Ich saß verloren in seinem mächtigen Rattansessel, drückte die Zigarre aus und schwieg. Es war schrecklich! Ich erkannte, dass es aussichtslos war, irgendjemandem auch nur irgendetwas erklären zu wollen, was über die Logik eines einfachen Hauptsatzes hinausging und so beschloss ich zu schreiben.

Dietmar Seibert, 20. April 2008


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Es ist nicht nur das Café am Markt, es ist das Leben in der Fußgängerzone, was Georg und Tatjana gelegentlich dort hin zieht. Man sitzt nicht nur um zu Frühstücken, man sitzt um zu sehen und um gesehen zu werden. So war es auch diesmal. Tauben gurrten, Kinder warfen ihnen Brotkrümel zu, das weibliche Geschlecht präsentierte die neue Frühjahrskollektion und die Männer schielten nach den Beinen darunter. „Guck mal da...", warf Tatjana ein. „Dieser Typ mit dem Käfig unterm Arm." - „Da ist ein Häschen drin." - „Ja, aber irgendwas passt da nicht zusammen. Ich meine: dieser tätowierte Gladiator und dann dieses schutzbedürftige Tierchen." Nun konzentrierten sich beide auf ihr Frühstück, zumindest gaben sie vor, dies zu tun, bis der raubärtige Barbarossa mit seinem Hasen an ihnen vorbeigezogen war. „Vielleicht hat er ihn für sein Töchterchen gekauft." flüsterte Tatjana hinterher. „Glaub ich nicht" - „Warum nicht? Ist doch möglich." Der Mann wechselte die Straßenseite und nun spielte ihre Fantasie mit ihnen: „Dass es ihm selbst gehört, kann ich mir nicht vorstellen." - „Warum nicht? Man sagt doch: ,Raue Schale, weicher Kern'." - „Meinst du, er bringt es zum Tierarzt? Solche Typen haben oft ein weites Herz." - „Ja, aber eher für Kampfhunde!" - „Ich hab neulich so einen Psychoartikel gelesen..." Dann fiel Tatjana der Bissen aus dem Mund. „Schau doch mal, wo der hingeht." Georg drehte den Kopf. „Wo ist er denn." - „Da, hinter Tchibo ist er hineingegangen. Weißt du was dort ist? Dort ist ein Metzger." Tatjana hatte ihre Gesichtsfarbe vollends verloren. „Das glaub ich nicht. So ein Häschen bringt doch niemand zum Metzger. Da ist doch nichts dran." - „Ich sage Dir, der ist zum Metzger damit. Hätte mich auch gewundert..." - „Ach, hör auf. Man kann doch nicht immer gleich verurteilen. Vielleicht wohnt er ja dort." - „Ich sag Dir, der hat sich von seiner Freundin getrennt und jetzt bringt er das Häschen, das sie ihm geschenkt hat... ich darf gar nicht darüber nachdenken." Sie legte ihr Brötchen zurück auf den Teller, wusch sich mit der Serviette über die Lippen. „Ich brauch nichts mehr! Und zu diesem Metzger werde ich auch nicht mehr gehn!" - „Du bist doch ohnehin noch nie dort gewesen." - „Mir ist übel!", sagte sie. „Ich darf gar nicht daran denken." Nun kam der Gladiator wieder zurück, wechselte wieder die Straßenseite, ging am Café vorbei in Richtung Heugasse, aus der er gekommen war. „Siehst Du! Was habe ich gesagt? Ohne Häschen!" Georg schwieg. „Sag doch mal was!" Sie hasste es, wenn er so schwieg. „Vielleicht fährt er ja nur in Urlaub und hat es für diese Zeit..." - „Quatsch! Dafür bringt man kein Tier zum Metzger."- „Da ist er wieder!"- „Was hat er denn jetzt?" - „Ich weiß es nicht." Als er näher kam, grinste Georg. „Was ist? Bringt er jetzt auch noch die Katze?" - „Nein...", schmunzelte Georg. „Er trägt eine Packung Kaninchenfutter und ein Säckchen mit Streu."

Dietmar Seibert, August 2008


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