Dietmar Seibert
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Kurzgeschichten 3

Willis Porsche

(Die Kurzgeschichte "Willis Porsche" ist auch auf der Webseite der Uni Marburg von Dr. Wolfgang Näser unter der Rubrik "Textsorten" veröffentlicht.)

Heute habe ich ihn besucht. Seit einem Jahr sehe ich ihn jeden Morgen im Obi von D., im Stehcafé im Foyer neben der Bäckertheke, drei Tische mit Barhockern an der großen Scheibe zum Parkplatz, am letzten Tisch, er entgeht einem nicht, Willi, der seinen Kaffee umklammert und die Leute anstiert. Er sitzt immer am selben Platz. Fünfundsechzig, vielleicht siebzig, schwer zu sagen. Ich glaube, dass er jünger ist als er aussieht. Seine Gesichtszüge sind weich, die Haut glatt rasiert. Es ist eher das Gesicht einer alten Frau als das eines Mannes, doch es ist ein Gesicht, wie es einer vom Land hat. Für mich gehörte er bald zu diesem Obi wie der Biber im Logo. Ein introvertierter, wortfauler Dorfmuffel, den man grüßt, aber keine Reaktion bekommt. Anfangs habe ich es versucht, dann habe ich es aufgegeben. Seine Augen sind die eines interessierten Beobachters, nicht die eines Spanners, der den Frauen auf die Beine oder auf den Hintern stiert, dafür ist der Blick zu gleichgültig; nein es sind eher die Augen eines gelangweilten Außenseiters, irgendwann ins Abseits gedrängt und der jetzt weiterlebt, indem er den anderen zusieht. Dass sie auch ihn sehen, scheint ihn nicht zu kümmern. Seine Blicke fixieren jeden, der im Vorbeigehen Brötchen kauft oder seinen Wagen durch die Eingangshalle schiebt, Frauen wie Männer gleichermaßen. Oder sie ruhen auf mir oder wer immer noch dort morgens um diese Zeit einen Kaffee trinkt. Anfangs dachte ich, er gehört zum Personal, macht gerade Pause, einer, der häufig Pause macht, bis ich begriff, dass er einfach nur da sitzt um unter Leuten zu sein. Manchmal ruft er in Richtung Bäckertheke:

„Bettina, machst de mir noch n Kaffee?"

Bis vor kurzem war das der einzige Satz, den ich von ihm kannte. Es war unschwer zu erkennen, dass er von hier ist. Hochdeutsch, wie es einer spricht, der eigentlich Platt redet. Dass er Willi heißt, weiß ich nur, weil Bettina immer dann, wenn sie ihm den Kaffee hinstellt, sagt:

„So Willi! Mit liebe gemacht!"

Ich dachte, sicher ist das der Grund, warum er dasitzt, und mehr Kaffee trinkt, als seinem Herzen guttut, denn immer wenn sie das sagt, zieht ein zufriedenes Lächeln in seine Mundwinkel ein. Er ist zu alt für sie, aber zu jung um nicht daran zu denken. Wenn sie ihm die Tasse hingestellt, sie das gesagt und er gelächelt hat, verkriecht er sich wieder in sich selbst und seine Augen wandern emotionslos umher, wie eine Überwachungskamera.

Vor zwei Wochen allerdings hatte er mich verblüfft. Ich hatte es längst aufgegeben ihm irgend eine Reaktion abzutrotzen. Ich stellte gerade mein benutztes Geschirr zurück, als er plötzlich lächelte und sagte:

„Machs gut!"

Auch Bettina sah auf und flüsterte ihrer Kollegin zu, deren Name ich nicht kenne, weil Willi nur Bettina namentlich ansprach:

„Der hat ja gelacht."

„Der hat bestimmt Therapie gemacht.", kicherte die zurück.

„Ja, du auch!", antwortete ich. Seine Geste hatte mich so überrollt, dass mir völlig entgangen war, dass ich ihn geduzt hatte. Erst im Auto erinnerte ich mich, du hast ihn ja geduzt.

Die Woche darauf spielte uns das Schicksal einander zu. Alle Hocker waren besetzt, bis auf einen an Willis Tisch.

„Hallo!", ging ich auf ihn zu. „Ist der noch frei?"

„Ja!", war die karge Antwort. Er reckte sich auf, zog seine Tasse zu sich und profilierte sich wieder in Schweigen. Ich biss in mein belegtes Brötchen und wich so dem Zwang aus, meinerseits etwas sagen zu müssen. Nach einer Weile durchbrach er den Damm und sagte:

„Mer wird nie fertig!"

Ja sicher, dachte ich, hatte jedoch keine Ahnung, wovon er sprach. Mit einem Bissen im Mund sah ich auf und nickte ihm verständnisvoll zu. Dann fuhr er fort:

„Es is immer was zu dun um's Haus rum." Wieder nickte ich, schluckte.

„Gott, es kümmert ja sowieso kein mehr, awwer mer kann ja auch net alles verkomme lasse."

Ich wollte fragen: „Sie haben ein Haus?", erinnerte mich aber, dass ich ihn zuletzt geduzt hatte. Während ich mir einen Satz zurechtbastelte, mit dem ich die Anrede erst einmal geschickt umgehen konnte, kam er mir zuvor:

„Fährst Du heut net offen?" Er deutete durchs Fenster auf mein Cabrio.

„Noch zu kalt!", antwortete ich kauend.

„Musst Du noch schaffe heut? Am Sonndach solls ja bis zu 25 Grad gewwe."

Wie sollte ich ihm meinen Job erklären?

„Schaffst wohl in Marburg?", nahm er mir die Antwort ab.

„Ja", antwortete ich knapp und dann meinte er, er habe auch ein Cabrio. Er schmunzelte. Irgend etwas stimmte an dieser Aussage nicht.

„N Porsche!", schob er nach.

„Einen Porsche?"

„Ja!" Er lachte. „N roter Porsche! Steht in der Scheune! Ich weiß awwer net, ob er noch anspringt."

„Verstehe!" Er meinte seinen Traktor. „20 PS Diesel mit Frontlader und Ackerschiene?"

„Ne, ne, n SuperL 319 mit 40 PS un Schnellgang. Der fuhr ohne Last fünfunddreißig."

Er strahlte, als er das sagte und dann belehrte er mich über Porsche, und wann man die Sparte „Traktoren" an, ich glaube es war MAN verkauft hatte.

„Ja, ja, die ham bis 1962 auch Traktorn gebaut..." Er kannte alle Modelle und von wann bis wann sie gebaut worden waren. „Gott,...", winkte er schließlich ab, „...ich weiß ja gar net, ob er noch fährt."

Ich blieb an diesem Thema:

„Die gab es doch nur in rot, oder?" Ich erzählte ihm, von dem Porsche der Nachbarn meiner Eltern, ein Einzylinder, offenbar kleiner als seiner, und wie gerne ich als Kind darauf gespielt hätte.

„Jo, Gott, ich weiß ja net, ob er noch fährt.", wiederholte er. „Erst hab ich n immer noch im Feld gefahrn, awwer die wolle die ja heut net mehr versichern, wenn mer kei Landwirtschaft mehr hat. Mer kann se drosseln, dann brauch mer kei Versicherung mehr, awwer, Gott, das is ja doch nix mit 6 km/h. Jetzt fahr ich Fahrrad! Ich hab mer n Speedline gekauft."

Er zeigte durch die Scheibe auf ein Fahrrad, das an einen Stützpfeiler gekettet war.

„Gott die sin ja teuer heut, dreizehnhunert Euro!" Er winkte ab, als er diese Summe nannte. Ich konnte dazu nichts sagen.

„Ich verstehe nichts von Fahrrädern.", gab ich zurück.

„Ei mer gönnt sich ja sonst nix. Irgendwas muss mer ja mache."

„Und das geht noch so mit dem Radfahren?"

Die ganze Zeit über hatte ich mich gefragt, was mir an ihm so widersprüchlich, so unwirklich vorkam. Irgendetwas an ihm passte einfach nicht zusammen. Jetzt fiel es mir auf. Es war die Kleidung: der hochmoderne, enganliegende Radlerstyle, gegenüber dem zeitabgewandten altersstarren Gesichtsausdruck eines Landwirtes im Ruhestand, der seinem Traktor nachtrauerte.

„Ei Gott, es geht noch so.", antwortete er. "Mer is ja kei zwanzig mehr, awwer mer muss doch was dun."

Er erzählte von organisierten Radtouren, an denen er teilgenommen hatte, nannte Örtlichkeiten, wo sie eingekehrt waren, als müsste ich sie kennen. Für sein Alter hatte er sich wohl herausragend geschlagen, ich konnte es nur schwer beurteilen. Seine Begeisterung für den Radsport konnte ich nicht teilen.

„Davon verstehe ich zu wenig.", sagte ich. Doch jetzt hatten wir ein gemeinsames Thema: den Porsche!

„Kann ich ihn mal sehen?"

„Den Porsche?" Er lachte.

„Ja, den Prosche!"

„Gott jo, ich weiß nur net, ob er noch anspringt. Ich bin ja doch immer deheim. Nur am Sonntdach net, da treffe ich Unsere. Letzte Sondach sin mer an der Lahn gefahrn bis nach Dietz. Sin ja heut sauwer gemacht, die Radwhe."

„Und wo ist daheim?", fragte ich.

Er gab mir seine Adresse und als ich sie ins Navigationssystem eingab, sah ich, dass es direkt auf meinem Weg lag. Ich kannte diesen Bauernhof am Ortsausgang des Nachbardorfes. Wie oft war ich dort vorbei gefahren. Ich erinnerte mich sogar an den Porsche. Über die Jahre waren mir die Veränderungen dort nicht entgangen. Anfangs gab es noch Vieh, später nur noch den Schäferhund, der wie ein Wächter über einen längst geraubten Schatz an seiner Kette auf- und ablief. Zuletzt lag er nur noch vor der Hütte und schaute mir misstrauisch nach, wenn ich in Schritttempo vorbeifuhr und in den Hof schaute. Er war alt geworden. Einmal war ich angehalten um mir den Hof von innen anzusehen, wobei sich das inzwischen so friedliche Tier in Windeseile in eine zähnefletschende Bestie verwandelte.

Ich erinnerte mich gut an den Porsche. Er war mir aufgefallen, weil es ein größeres Modell war. Meist stand er irgendwo im Hof oder an der Straße, mal mit Anhänger, mal mit irgendeinem anderen landwirtschaftlichen Gerät. Einen Deutz gab es auch. Der Maschinenpark war auf dem Stand der 60ger geblieben, danach hatte der Hof offenbar von der Substanz gelebt. Erst verschwand der Deutz, später der Misthaufen in der Mitte des Hofes und mit ihm auch der Porsche. Den Platz, wo der Misthaufen war, zierte bald darauf ein Blumenbeet. Jetzt war die Stelle gepflastert und auch den Hund gab es nicht mehr. Die Kette lag noch vor der Hütte, als hätte ihn eben jemand ausgeführt, doch mir war klar, dass es anders war.

Als ich heute in den Hof fuhr, überkam mich ein merkwürdiges Gruseln. Ein schöner Hof, aber tot. Ein Organismus, aus dem bereits das Leben gewichen war, wie aus einem menschlichen Körper kurz vor dem letzten Atemzug. Gleichzeitig erinnerte mich alles an ein Heimatmuseum, in das man Trachtenpuppen stellen möchte, aber nicht Willi in seinem Radlerlook. Selbst er schien innerlich schon längst gegangen zu sein. Ich sah mich um, alle Läden verschlossen, am Fachwerk bröckelte schon lange der Lehm, doch es lag nichts am Boden. Alles war sauber gekehrt, alles in ordnungsgemäßem Zustand dem schleichenden Verfall übergeben. Was vom Dach herunterfiel, wurde weggeräumt, aber nicht mehr repariert. An der Klingel las ich: „Familie Wilfried Weil." Die Schrift war verblasst. Vor den Fenstern hingen Blumenkästen, aber sie waren nicht mehr bepflanzt worden. Die Fenster waren allesamt geschlossen, die Gardinen zugezogen, versiegelt, wie man unbewohnte Räume versiegelt. Dann kam er an die Tür.

„Ach Du bist's." Er strahlte. „Komm doch rein!"

Nach meinem Namen hat er mich nie gefragt. Als ich eintrat, war mir klar, dass es sich um einen Männerhaushalt handelte. Irgendwie roch es nach Männerhaushalt. Ein typischer Alte-Leute-Geruch, muffig und kalt, doch ohne die Geruchspartikel von Putzmittel oder WC-Frisch, wie es Frauen dieses Alters verwenden würden. An der Gardrobe hingen zwei Sportjacken und auf der Hutablage lag seine Schirmmütze mit dem Logo von adidas. Ein Mantel verriet mir, dass es hier eine Frau gegeben hatte. Ich spürte, dass sie tot war. Der Mantel war bloß noch nicht weggeräumt worden.

„Ich frühstücke grad. Setz Dich doch!", sagte er.

Auf dem Tisch stand eine Tasse Kaffee, eine angebissene Scheibe Brot mit Leberwurst lag daneben, ein Frühstücksei.

„Kann ich Dir was anbieten. Ich habe awwer nur Neskaffee, den annern vertag ich net."

Komisch, dachte ich. Im Obi verträgt er ihn.

„Ja, gerne!", antwortete ich. Er setzte Wasser auf, nahm eine Tasse aus dem Schrank, stellte sie auf den Tisch, gab zwei Teelöffel Kaffeeflocken hinein, schloss die Dose wieder und fragte:

„Oder willst Du mehr? Ich nehm immer nur zwei."

An der Wand über dem Küchentisch hingen Fotos, eine kleine Bildergalerie, Momentaufnahmen mitten aus dem Leben und für einen Moment übernahm in meinem Kopf meine Phantasie die Regie. Ich sah die Frau, die einmal an seiner Seite gelebt hatte, eine schöne Frau mit strenger Stirn. Kinder, ihre Kinder, als sie auf dem Traktor mitfuhren oder mit Schultüte in Pose gestellt. Menschen, die hier einmal zu Hause gewesen und nach den Bildern zu urteilen, hier einmal glücklich gewesen waren.

„Lebst Du alleine hier?", fragte ich.

„Die Frau is ja doch letztes Jahr gestorben.", antwortete er. „Der Krebs hat se regelrecht aufgefressen. Die Ärzte konnte nix mehr machen. "

„Eine schöne Frau!", sagte ich. Er sah, dass meine Augen an dem Foto klebten.

„Ja, damals war se noch schön. Eine Kölnerin, ne echte Rheinländerin. Die hatte Temprament! Aber der Krebs hat se regelrecht aufgefressen."

„Wie alt war sie denn?", fragte ich.

„Das ist die Umwelt...", antwortete er. „Gott, es is ja doch heut alles verseucht." Dann erzählte er von seiner Frau, wie sie sich kennen gelernt hatten, wie sie gearbeitet habe. Sie habe den Hof im Griff gehabt und eine gute Mutter sei sie auch gewesen. Immer wieder schwenkte er um zu ihrer Krankheit und wie sie eingegangen sei. Meine Augen ruhten auf ihrem Bild. Wäre sie mir begegnet, irgendwo im realen Leben, hätte sie sicher meine Neugier geweckt. Ein wenig schmerzte es mich, wie er von ihr sprach. Er lobte sie und hob sie in den Himmel, doch die Art und Weise, in der er es tat, klang mir eher so, als ginge es um eine Kuh, die ihm verendet sei.

„Und jetzt lebst Du ganz alleine hier?", fragte ich.

„Jo ich komme schon zurecht. Gott, es muss ja doch irgendwie weitergehn. Die junge Leut ham ja heutzudach kein Interesse mehr an so em Hof. 'S rechnet sich ja auch net mehr. Gott, der Hof ist ja auch zu klein. Ich habe immer bei Buderus gearweit, die Landwirtschaft lief nur newebei."

„Hast Du Enkelkinder?", fragte ich und sah wieder nach der Gallerie.

„Der Burghard...", er deutete auf eines der Bilder, „der is nach Stuttgart verheirat und die hawwe zwei Kinner, en Jung un e Mädche. Die Sabine hat je doch keine. Die is in Kalifornien."

Er klopfte sein Ei auf, schälte es mit dem Teelöffelchen behutsam in kleinen Häppchen aus der Schale und ließ diese lutschend auf seiner Zunge zergehen. Es war wie ein spirituelles Ritual, zu dem man die Hände falteten mochte. Als er damit fertig war, verabschiedete ich mich wieder. Eigentlich war ich wegen des Porsches hingefahren, das hatte ich ganz vergessen. Vorgefunden habe ich aber einen einsamen Menschen im Spagat zwischen zwei Welten, von denen er aber keine mehr erreicht. Einen Single einer im Aufbruch begriffenen Gesellschaft, im Niemandsland zwischen einer neuen Zeit, die aber nicht mehr die seine wird und seiner eigenen verflossenen Geschichte, die er lediglich in ihren Fakten und Jahreszahlen begriffen hat. Identitätslos! Ein Prototyp eines Individuums auf dem Land, der bald in Serie geht, wenn einmal meine Generation in dieses Alters aufsteigt. Als ich wieder im Auto saß, dachte ich an meine Großeltern, eine Generation, die ihr Alter noch im Kreis der Familie verbracht hatte, mit den Enkelkindern unter einem Dach gelebt hatte und dennoch ihrer Zeit treu geblieben war. Sie waren Geschichtenerzähler. Ihre Geschichten klangen wie Märchen aus „Tausendundeiner Nacht", nicht wie das Jaulen eines angeschlagenen Hundes, der den Trends der Jungend hinterherhinkt. Ich drehte mit meinem Auto, sah noch einmal nach der Kette des Hundes, nach den versiegelten Fenstern, sah ihn, Willi, in seinem Radlerlook auf der Treppe stehen. Eine Hängepartie zwischen Gestern und Morgen in einer schnelllebigen Zeit, dachte ich. Es war keine Depression, aber für einen Moment war ich vom Gedanken an mein eigenes Alter angeschlagen.

Dietmar Seibert           Herborn, den 9. Januar 2008


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