Dietmar Seibert
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Lyrik

Lyrik zum Strukturwandel

Das Vermächtnis
(aufgenommen in die Frankfurter Bibliothek des Zeitgenössischen Gedichts in 2007)

Sonntagnachmittag, in einem Dorf,
Ich fahre langsam durch die Straßen.
Es ist menschenleer an dem Platz,
Wo einmal Menschen sonntags saßen.

So mancher Hof, jetzt zugebaut,
So mancher Baum ist gefällt.
Egal wohin das Auge schaut,
Sieht eine andere, fremde Welt.

Das Backhaus noch, die Kirche - ja.
Doch an dem Brunnen vor dem Tor,
Ist jene Linde nimmer da.
Steht eine Sparkasse davor.

Asphalt verdrängte Gras und Moos.
Das Haus gegenüber - putzversiegelt.
Die Fenster, sie sind jetzt so groß,
dass sich die Sparkasse darin spiegelt.

Einst floss ein Bach - Vergangenheit.
Jetzt pellt man Fachwerk wieder frei,
Als ob damit die alte Zeit
Wieder zurückzubringen sei.

Will man zurück? Sucht man die Spur
Die man zuvor zertreten hat?
Schafft man jetzt eine „Re-Kultur"?
Ist man das satte Leben satt?

Mittwochnachmittag, dasselbe Dorf,
Und wieder ist es menschenleer.
Das Leben ist jetzt in der Stadt.
Wer Auto hat, fährt hinterher.

                                        Dietmar Seibert, Januar 2007

 


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