Dietmar Seibert
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Neuropädagogik am Klavier

Auf dieser Seite finden Sie die Artikel:

  1. Begriffsdefinition
  2. Sprache als Brücke zum Verstehen
  3. Sprache als Navigator im Gedächtnis
  4. Klavierspiel und die Atmung - Ein Schriftwechsel

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Zitiat einer Kollegin: „Ich habe viele Lerntechniken ausprobiert. Das verrückte an deinen ist, sie funktionieren auch. Die Welt braucht unbedingt dein Buch!" A.D. (37 Jahre)

Spielen Sie Klavier? Kennen Sie das: Sie haben ein Stück geübt und glauben es sicher zu können, doch wenn Ihnen jemand zuhört, verlässt Sie scheinbar Ihr Gedächtnis? Dann kennen Sie auch sicher das Unvermögen, im Stück zu unterbrechen oder überhaupt bei einer beliebigen Stelle wieder einsetzen zu können. Ihr Stück scheint zusammengewachsen zu einem einzigen nicht mehr formbaren Klumpen, der in der Hand zerbricht, wenn Sie etwas an ihm ausrichten wollen. Ihre Motorik ist zu einem verknorpelten Bündel unkontrollierbaren Reflex ausgereift, den Sie weder beherrschen, noch beeinflussen können. Es ist, wie es ist. „Es" spielt, aber längst nicht mehr Sie.

Können Sie sich vorstellen, dass es möglich ist, ein Stück so zu beherrschen, dass Sie an jeder beliebigen Stelle einsetzen können, dass Sie es durchdenken können, den Notentext aufschreiben könnten, ohne dies konkret zu Üben, dass Sie beim Hören spüren, wie es sich anfühlt, beim Spielen hören, wie es aussieht und beim sehen fühlen, wie es sich anhört?

Eine Zielvorstellung, die Ihnen vielleicht unerreichbar erscheint, doch sie ist erreichbar und wenn dies und vieles mehr, dazu noch ohne Mühe möglich ist, allein durch die Kraft einer klugen mentalen Vorstellung, dann spreche ich von „Neuropädagogik" am Klavier.

Leider ist der Begriff Neuropädagogik inzwischen so verbreitet wie PAYBACK an der Tankstelle und so wie man dort versucht, Kunden mit den raffiniertesten Bonussystemen an sich zu binden, versucht die Pädagogik ihrer angeschlagenen Wissenschaft mit dem Präfix „Neuro" aus der Krise zu verhelfen. „Neuro" ist in! Eine Neurowelle überrollt geradezu die Nation. Wen interessiert es da schon, was einer eigentlich darunter versteht?

Ich verwende diesen Begriff mittlerweile nur noch ungern. Wenn ich hier dennoch von „Neuropädagogik am Klavier" spreche, dann deshalb, weil dieser Begriff meine Unterrichtskonzeption in einem Wort erklärt. Unter Neuropädagogik verstehe ich hier solche didaktischen Ansätze, die sich auf die aktuell bekannten Bedingungen und Funktionsweisen unseres Gehirns stützen, sie ausnutzen, um das Lernen zu vereinfachen und den kürzesten Weg zum Erfolg zu finden. Meine Lerntechniken sind aber auch deshalb mit dem Fokus auf die neuronalen Vorgänge formuliert, weil wir uns heute mehr denn je zuvor über die Funktionen unseres Gehirns begreifen.

In der Instrumentalpädagogik hat „Neuropädagogik" eigentlich schon lange begonnen, bevor man diesen Begriff formulierte. Hier setzen Reformpädagogen schon früh auf bewusstes Üben, und diffenziertes Wahrnehmen und der Trend zur Einbeziehung der Lernpsychologie, -physiologie und -biologie scheint sich fortzusetzen. Mit Recht, wie ich meine! Denn was vor Jahren noch als Examensliteratur galt, spielt man heute zu Aufnahmeprüfungen. Gleichzeitig beobachte ich aber als Klavierpädagoge, dass heute kaum ein Schüler zu ausdauerndem Üben zu bewegen ist. Dem gegenüber steht er permanent in der Gefahr, sich in seinen vielfältigen Freizeitaktivitäten zu verzetteln. Um so mehr bedarf es solcher Unterrichtskonzeptionen, die ökonomisch sind und die vor allem eines: die greifen!

Die Zeiten, in denen man stundenlang Hanon- oder Czernyübungen rauf- und runterspielte, sind vorbei!

Ein guter Klavierpädagoge muss heute ökonomischere Wege zum Erfolg aufzeigen, als diese. Mag sein, dass in den vergangenen Jahrhunderten ein Schüler mit Drill leichter zum Erfolg zu führen war als durch Einsicht und Erkenntnis und die Bezeichnung „Erzieher" zutreffender war als „Lehrer". Mag sein, dass sich ein Schüler im 19. Jahrhundert ausdauernder konzentrieren konnte als es heute der Fall ist. Mag sein dass die rechte Hirnhälfte von Schülern aus dem asiatischen Sprachraum gegenüber denen aus dem romanischen auf Grund der Sprache anders konditioniert ist und dass die Verarbeitung von Musik dadurch quasi naturgemäß eine andere ist. Mag sein... Mag sein... Neben all diesen Überlegungen und Hypothesen ist aber eines klar: Die Bewusstmachung der Funktionen unseres Gehirns, sowie der physischen und psychischen Bedingungen, denen wir beim Musizieren unterworfen sind, spielt in der Instrumentalpädagogik eine immer größere Rolle. Das streben nach immer schnellerem Erfolg ist nicht zu stoppen. Für und Wider dieser Entwicklung möchte ich einmal dahingestellt sein lassen. Doch wer möchte schon einen Schritt zurück gehen und mit größerem Aufwand weniger erreichen, wenn es doch auch leichter geht?

Das Bewusstsein für die Vorgänge in unserem Gehirn und ein darauf ausgerichtetes systematisches Arbeiten ist heute für den Erfolg an einem Instrument unverzichtbar. Inwieweit in Zukunft die Erkenntnisse der Neurobiologie einbezogen werden und mit ihnen ein medikamentöses Eingreifen in die Vorgänge im Gehirn beim Lernen, wird sicherlich umstritten bleiben.

Mehr als die richtigen Tasten zum richtigen Zeitpunkt drücken!

Neuropädagogik ist bei mir aber auch immer eine ganzheitliche Pädagogik. Im Vordergrund steht der Mensch! Musizieren am Klavier sollte mehr sein, als zum richtigen Zeitpunkt die richtige Taste zu drücken und das möglichst schnell gelernt zu haben. Auch wenn im Unterricht für mehr die Zeit oft fehlt, so ist Neuropädagogik am Klavier doch eine Entdeckungsreise durch unser Gehirn und durch die Landschaft unserer Empfindungen und mein Unterrichtskonzept darüber hinaus eine Reise durch unsere kulturelle Geschichte bis zu ihren Wurzeln. Meine Lerntechniken um die Logik der schwarzen und weißen Tasten und deren Verarbeitung im Gehirn sind Handwerkzeuge, die in nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens transferiert werden können.

Der Begriff Neuropädagogik in dem Sinne, wie ich ihn verwende, erhebt nicht den Anspruch einer sogenannten „harten" Wissenschaft, in der man unter sterilen Bedingungen überprüfbare Experimente durchführt, zumal es derzeit empirisch gesicherte, direkt anwendbare Erkenntnisse aus der Hirnforschung im Hinblick auf die Klavierpädagogik überhaupt noch nicht gibt. Die derzeitigen Erkenntnisse der Hirnforschung über das Lernen im Allgemeinen und auch in Bezug auf das Klavierspiel haben trotz bildgebender Verfahren und vieler Studien immer noch Modellcharakter. Zur Anwendung in der pädagogischen Praxis bedarf es nach wie vor auf weiten Strecken analoger Schlussfolgerungen der Pädagogen, sowie deren Intuition und Erfahrung. Ich möchte mit meinen Lerntechniken einladen auf eine Endeckungsreise durch unser Gehirn, zu einer ganzheitlichen Sinneserfahrung und natürlich zu Erfahrungen mit Musik, insbesondere mit der am Klavier gespielten!

 

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(Zu diesem Artikel finden Sie eine Übung unter Aktuelles/Sprachübungen)

Was ich nicht begreifen kann, muss ich mir erklären!

In dieser Aussage wird die Bedeutung der Sprache im Bezug auf das kognitive Verstehen oder Lernen deutlich. Begreifen drückt hier (im wörtlichen Sinne) ein tieferes Verstehen in Form von (sensorischer) Erfahrung  aus, Erklären hingegen ein Verstehen von etwas, das nicht sensorisch wahrnehmbar (nicht greifbar) ist. Ich erkläre mir etwas aufgrund vorliegenden Indizien oder Fakten, ich ziehe eine logische Schlussfolgerung, ich beschreibe oder konstruiere etwas oder stelle mir etwas vor.
Töne, beispielsweise, kann ich erleben, sie hören oder nachbilden oder sie zu Klängen zusammenfügen, ohne mich der Sprache zu bedienen. Will ich aber verstehen, was im physikalischen Sinne ein Ton ist, reicht die sensorische Erfahrung von Tönen nicht aus. Manchmal frage ich einen Schüler im Unterricht: "Was ist eigentlich ein Ton?" Natürlich weiß jeder, was ein Ton ist, aber wie erklärt man das und was ist es eigentlich wirklich? 
Nun, ein Ton ist ein Schall, der durch eine periodisch gleichmäßige Schwingung eines elastischen Körpers entsteht (gerne gestellte Frage bei Aufnahmeprüfungen, die mit drei Punkten bewertet wird: ein Punkt auf gleichmäßig, einen auf Schwingung und einen auf Körper). Auf dem Hintergrund dieser Beschreibung kann man schließlich auch den Unterschied zwischen Ton und Geräusch verstehen, denn bei einem Geräusch ist die Schwingung unregelmäßig. Über diese Unterscheidung erschließen sich nun auch weitere Überlegungen bezüglich der Tonhöhe, die von der Frequenz der Schwingung (Tempo der Schwingung) abhängig ist oder der Lautstärke, die durch die Amplitude der Schwingung (Weite der Schwingung) bestimmt wird.
 
Spätestens hier wird der Stellenwert der Sprache deutlich. Im Gehirn bauen sich durch einzelne wenige Begriffe bildliche Vorstellungen auf, ohne dass diese sensorisch erfahren werden - vorausgesetzt, dem Anwender sind diese Begriffe bekannt. Je umfangreicher und präziser hierbei jemandes inneres Lexikon ist, um so leichter lassen sich gezielte Vorstellungen erzeugen, Zusammenhänge erfassen, Konstrukte durchdringen, Sachverhalte aufrufen und zu neuen noch komplexeren Gebilden zusammenfügen, ohne dass diese sensorisch erfahren werden müssen. Mit Hilfe der Sprache kann man sich durch das Gedächtnis navigieren wie mit einer Suchmaschine durchs Internet (siehe hierzu im nachstehenden Artikel „Sprache als Navigator im Gedächtnis"). Die Voraussetzung ist allerdings ein präzises inneres Lexikon.

Ich will im Folgenden ein wenig versuchen, den Stellenwert des inneren Lexikons beim Lernen und Verstehen zu verdeutlichen, indem ich am Beispiel des (physikalischen) Tonbegriffs bleibe. Versuchen Sie einmal diesen zu erklären, indem Sie bestimmte Begriffe tabuisieren. Kennen Sie das Spiel „Tabu"? Man muss einem anderen in einem vorgegebenen Zeitfenster etwas erklären, ohne bestimmte, dafür naheliegende Begriffe zu verwenden.
Stellen Sie sich nun einmal vor, sie wollen jemandem erklären, was im physikalischen Sinne ein Ton ist, in dessen Wortschatz es Begriffe wie „Schall", „periodisch gleichmäßig" und „Schwingung" nicht gibt...

Haben Sie es versucht? Wie weit mussten Sie ausholen?

In der pädagogischen Praxis bin ich immer wieder damit konfrontiert, Kindern etwas erklären zu müssen, wozu ihnen noch der Wortschatz fehlt. Glauben Sie, am Ende Ihrer Umschreibungen hätte Ihnen ein Kind noch zugehört oder, geschweige denn, sich dafür interessiert, was ein Ton ist?
Mit Hilfe der Sprache und einem übereinstimmenden Wortschatz können sie einem Kind solche Unterschiede jedoch leicht klar machen, indem Sie z.B. mit folgender Frage beginnen: 
„Weißt du wie es sich anfühlt, wenn man mit dem Finger ganz leicht eine klingende Gitarrenseide berührt? Das kitzelt, weil sich nämlich die Seide ganz schnell hin- und herbewegt. So entsteht ein Ton, aber nur, wenn sie sich gleich schnell bewegt. Wenn sie sich anders bewegen würde, würde man nur ein Geräusch hören. Dann kitzelt es auch nicht."
Ich habe noch kein Kind erlebt, das sich nicht spätestens jetzt für diesen abstrakten Lerninhalt interessiert oder ihn nicht versteht.
Primär ist beim Lernen und Verstehen ein inneres Lexikon, indem Begriffe eindeutig und unmissverständlich geklärt sind, unverzichtbar. Aber im vorliegenden Beispiel ist ihnen sicher auch nicht entgangen, dass eine nicht minder bedeutende Rolle der Emotion zukommt. Beim rein verbalen Vermitteln von Lerninhalten bietet auch die Sprache viele Möglichkeiten, einen abstrakten Sachverhalt auf eine emotionale Ebene zu heben, die das Interesse weckt und damit die kognitiven Hirnleistungen stärkt. Welches Kind wird nicht neugierig, wenn etwas kitzelt und welcher Erwachsene nicht, wenn etwas Erfolg verspricht. Sicher haben Sie sich auch schon gefragt, warum manche Gedächtnisinhalte im Bruchteil einer Sekunde ins Gedächtnis eingebrannt sind, während es Ihnen bei anderen selbst durch häufiges Wiederholen nicht gelingen will? Hier liegt der Schlüssel! Doch auf dieses Thema werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch zu Sprechen kommen.   

Lassen Sie uns aber jetzt noch ein wenig über die Bedeutung des inneren Lexikons nachdenken und über die Notwendigkeit, sich klar und präzise auszudrücken, damit Sie meine Bemühungen selbst im Klavierunterricht zu einer guten Spracherziehung verstehen.

Tauschen wir einmal in der verbalen Erklärung des physikalischen Tonbegriffs die Begriffe „schwingen" mit dem ähnlich klingenden Verb „singen" und „Schall" mit „Wall" aus. Ein elastischer Körper erzeugt also einen Wall, und durch periodisch regelmäßiges oder gleichmäßiges Singen entsteht ein Ton, dessen Höhe sich verändert, wenn Sie schneller singen, und der lauter wird, wenn sie weiter singen.

Merken Sie, welch absurde Vorstellungen sich in Ihrem Kopf aufbauen? Eindeutige und einheitliche Begriffsdefinitionen sind die wichtigste Voraussetzung um mit Hilfe der Sprache zu lernen oder zu verstehen! 

Über dieses einfache Beispiel hinaus finden wir in Fachsprachen hinter einzelnen Termini meist komplexe Konstruktionen, ganze Wissensgebiete oder Welten. Man könnte anstatt vom inneren Lexikon auch von einer inneren Bibliothek sprechen. Manchmal wird durch einen einzigen Begriff ein ganzes in sich komplexes Weltbild aufgerufen, durch das sich etwa eine angehängte These erklärt, oder ein Vergleich gezogen, durch den sich eine ausschweifende Erklärung erübrigt.
Begriffe bilden Netzwerke von weiteren Begriffen, an denen jeweils ganze eigene Netzwerke von Begriffen und Bedeutungen hängen, die untereinander wiederum vernetzt sind. Beim kognitiven Lernen und Verstehen navigieren Sie sich durch Netzwerke von Begriffen und Deutungen und fügen sie zu neuen Erkenntnissen und Bedeutungen zusammen. Wenn Sie an einem wissenschaftlichen Artikel scheitern, dann geschieht dies sicher nicht primär, weil Sie den Inhalt nicht begreifen würden, sondern weil Sie die Bedeutung der Termini nicht verstehen.

In der Lernerziehung mit Kindern bedarf es daher einer verschieden ausgerichteten Komunikation, in der es in gleicher Weise entscheidend ist, dass man den Wortschatz und die Emotionen des Kindes aufnimmt und verwendet, wie das Bestreben, es mit einer präzisen Hoch- und Fachsprache zu konfrontieren, in der sich später komplexeres Wissen vernetzen lässt. Zunächst aber erreicht man ein Kind nur und ausschließlich in seiner Sprache und für ein Kind ist nur sie die „Brücke zum Verstehen".

                   Dietmar Seibert, Juni 2008


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(Zu diesem Artikel finden Sie eine Übung unter Aktuelles/Sprachübungen)

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4. Das Klavierspiel und die Atmung

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