Dietmar Seibert
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Kritisches

Deutschlands Zukunft - sehe ich da etwas falsch?

Was machen die Schulen bloß mit den Kindern? Ein Beitrag zu G8 und "Unterrichtsgarantie plus"
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Betrifft: Deutschlands Zukunft - Bildung, Schulen, Handwerk, Ausbildung, Abwanderung von Know How - sehe ich da etwas falsch?

Deutschland, das Land Bachs und Beethovens! Doch werden immer weniger Deutsche in der Lage sein, eine Bach-Fuge oder eine Beethoven-Sonaten zu spielen? Nicht, dass ich der Meinung wäre, man sollte die Pädagogik der Amy Chua einführen. Nebenbei bemerkt hat Instrumentalpädagogik dieses Kalibers nicht verstanden, dass es anders nicht nur einfacher, sondern auch besser geht. Doch die Haltungen hierzulande bezüglich des Erwerbes besonderer Fertigkeiten, werfen in mir auch so manche Fragen auf, z.B.: Verlieren wir durch jahrelangen Wohlstand immer mehr die Bereitschaft, uns anzustrengen? Im Zuge der fortschreitenden Globalisierung reihen sich weitere Fragen an: Beschleunigt die Globalisierung die Abwanderung von Know-how im Allgemeinen? Begünstigt sie eine Entwicklung, an deren Ende ein Deutschland steht, in dem niemand mehr etwas wirklich kann? Werden wir nicht nur überholt, sondern haben wir nicht schon den Rückwärtsgang eingelegt?

Ich, beschränke mich hier einmal auf den Blickwinkel des Hausbesitzers, Autofahrers und Konsumenten Dietmar Seibert, in einer Kleinstadt Mittelhessens, die vergleichbar überall in Deutschland sein könnte und sehe besorgt auf eine Entwicklung in Bereichen des „Handwerks" - hier in einem erweiterten Sinne gemeint, nämlich in dem, dass jemand „ein Handwerk versteht", dass einer also irgendetwas noch wirklich kann. Es ist nicht neu, dass ich heute nahezu alles kaufen kann und niemanden mehr finde, der mir etwas repariert. Doch inzwischen finde ich auch kaum mehr jemanden, der von dem, was er verkauft, seien es Produkte oder Leistungen, wirklich noch etwas versteht. Das mag an der Komplexität der Produkte und Leistungen liegen, doch ich beobachte auch ein zunehmendes Desinteresse am Verstehen überhaupt. Finde ich es anders vor, dann muss ich zunehmend zur Kenntnis nehmen, dass es kein Deutscher ist, der da etwas kann oder weiß, wie etwas geht.

Es wirken hier sicher viele Faktoren ineinander. Es beklagen z.B. die Handwerkskammern, dass immer weniger Jugendliche, die die Schulen verlassen, überhaupt noch "ausbildungsfähig" seien. Den meisten fehlten die elementarsten Grundlagenkenntnisse. Die Ursachen hierfür will ich jetzt nicht weiter untersuchen. Und wenn die Schulabgänger schließlich ausgebildet seien, sei ihre Arbeitskraft gegenüber der osteuropäischen Konkurrenz zu teuer.

Sicher spielt auch eine Rolle, dass kaum einem Jugendlichen heute noch ein Handwerk wirklich schmackhaft gemacht werden kann. Eltern stehen unter dem Druck, ihre Kinder mindestens zum Gymnasium zu schicken, ungeachtet ihrer Eignungen oder Fähigkeiten. Jugendlichen wird die Illusion eingeimpft, jedem sei alles möglich. Chancengleichheit, egal, was die Natur uns vorgibt! Wer spricht da noch von unterschiedlichen Begabungen, die allerdings auf dem Arbeitsmarkt unterschiedlich viel wert sind?

Auf das handwerkliche Improvisationstalent eines Russen oder Polen schaut man hierzulande lächelnd herab. Bei uns repariert man keine Kaffeemaschine, hier schraubt man keine Steckdose auf. Man kauft neu oder bestellt einen Handwerker, der jedoch immer seltener ein Deutscher ist. Versuche mal jemand einen Fliesenleger zu engagieren, der keinen osteuropäischen Akzent spricht.

Wen wundert es da, dass eine Generation heranwächst, die in einer virtuellen Welt zu Hause ist und im wahren Leben eigentlich nichts mehr kann. Wenn wundert es, wenn niemand mehr etwas drauf hat, wozu es eines über Jahrzehnte erworbenen "Erfahrungsschatzes" bedarf? Wozu auch? Es ändert sich ohnehin alles schneller, als man Erfahrungen sammeln kann. Doch wie soll ich mir ein Deutschland der Zukunft vorstellen, in dem niemand mehr in der Lage sein wird, eine Wand zu verputzen oder einen Stuhl zu beziehen. Wird mein Klavierstimmer in Zukunft aus Tschechien kommen, weil er hier nicht nur zu teuer ist, sondern weil es auch hier keiner mehr kann? Schon jetzt arbeitet niemand mehr ein Klavier in Deutschland auf. Es gibt viele vergleichbare Branchen, in denen man ähnliches beobachten kann. Handwerker haben ihre Kontakte nach Polen, dort werden die Arbeiten nicht nur billiger, sondern auch besser gemacht und kommen erledigt mit ansehnlichen Gewinnspielräumen zurück. Handwerker werden zu Zwischenhändlern, zu Vermittlern von Bedarf und Leistungen. Experten sind sie schon lange keine mehr.

Wird aus Deutschland ein Rück-Entwicklungsland? Stellt sich nur noch die Frage, in welchem Tempo? Im Fernsehen sehen ich, wie nahe der Grenze zu den Niederlanden eine gigantische Hähnchen-Schlachtanlage genehmigt wird. Das zieht Investoren aus den Niederlanden für überdimensionale Mastanlagen an, wie sie dort längst verboten sind. Geht so etwas plötzlich bei uns? In Osthessen wachsen wahre Hähnchen-Fabriken wie Pilze aus dem Boden. Die zuständigen Behörden lächeln Achselzuckend. In Polen dagegen boomt Bio. Der Otto-Normalbürger erfreut sich seiner gesunden Lebensmittel, dank der Subventionen aus der EG. Und dank des Dioxin-Skandals bei uns, liefern jetzt polnische Bio-Bauer die Eier in meinen Naturkostladen. Hatten wir nicht mal eine grüne Regierungspartei? Und jetzt wandern selbst diese Segmente von Know-how ins benachbarte Ausland ab. Wie lange wird der BMW wohl noch hier gebaut werden und was davon baut man nicht schon längst anderswo? Wird es irgendwann nur noch linke Hände in Deutschland geben und das kollektive Selbstbewusstsein: „Wir sind Deutschland!", „Wir sind Lena!", naiv und sympathisch? - Denn Beethoven sind wir schon lange nicht mehr.

Sehe ich da etwas falsch? Wer möchte, kann mir entgegengesetzte Beiträge schicken, ich werde sie hier veröffentlichen. >>>Beiträge schreiben


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(Ein Beitrag zu G8 und "Unterrichtsgarantie plus" von Dietmar Seibert, erschienen am 4.12.2007 in der Dill-Zeitung/Herborner Echo)

Weihnachtszeit! Für schulpflichtige Kinder ist dies ein Marathon durch die Klassenarbeiten, das ist nicht neu. Neu ist nur, dass in diesem Jahr viele Schüler später als bisher nach Hause kommen. Neu ist auch, dass ihre Eltern mit ihnen den Lernstoff nicht etwa üben, sondern ihn überhaupt erst vermitteln. Neu ist auch, dass trotz Unterrichtsgarantie Plus immer mehr Unterricht ausfällt, nur dass es jetzt nicht mehr auffällt, weil sich der Schüler ja lange genug in der Schule aufhält. Neu ist auch, dass jetzt auch Hessen mit G8 nachzieht, ohne dass dabei an eine Änderung der Lehrpläne, wenn schon nicht an eine Aufstockung des Lehrerkontingentes, gedacht wird. War es nicht ohnehin das Problem dieses Bildungssystems, dass die schulischen Leerphasen und die Phasen, in denen der Stoff komprimiert über die Köpfe der Schüler hinweg unterrichtet werden musste, weil man ja wieder etwas zum Überprüfen brauchte, ein Missverhältnis bildeten? Hatte nicht die viel diskutierte PISA-Studie gezeigt, dass so eine zeitgemäße, im internationalen Vergleich angemessene Bildung nicht möglich ist? Doch seit Jahren wird nun eine ganze Schülergeneration mit Reformen geknebelt, die sich als nichts weiter erweisen, als undurchdachte Experimente, durchgeführt auf den Rücken der Kinder und mit deren Abschaffung sich spätere Parteien wieder profilieren können?

Die Bildungsschäden für die Gesellschaft sind schon jetzt beträchtlich. Als freier Klavierlehrer im Kreis Marburg/Biedenkopf und im Lahn-Dill-Kreis beobachte ich schon seit Jahren, dass immer häufiger Schüler, sobald sie die Gymnasien besuchen, in ihrer Entwicklung Schritte zurück gehen, verstört sind, und am Ende der 5. Klasse zu kognitiven Leistungen nicht mehr fähig sind, zu denen sie in der 4. Klasse noch fähig waren. Wer heute mit Gymnasiasten arbeitet, stellt zunehmend fest, dass ihnen immer wieder die entscheidenden Grundlagen fehlen. Lernstoffe werden nicht durchdrungen und akzeptable Noten täuschen über Defizite hinweg. Der Maßnahmencocktail von U-Plus und G8 wird diesen Trend fortsetzen. Es gibt bessere Privatschulen, klar, doch wo bleibt da die Chancengleichheit? Für einen höheren Anspruch an ein Instrument bleibt heute einem Gymnasiasten einer staatlichen Schule, obwohl er dort schlechter ausgebildet wird, immer weniger Zeit. Beschämend, dass schon jetzt die anspruchsvolleren Studiengänge an deutschen Musikhochschulen kaum noch von deutschen Studenten belegt werden können. Erstaunlich, wie ein Land seine Kultur verliert und man merkt es kaum.

Um es mit einem renommierten Kapellmeister zu sagen: „Beethoven gehört längst den Japanern.", und es ist nicht die Schuld der Kinder. 

Weitere Links zu kritischen Internetseiten zu U-Plus:
...Chaos im U-Plus-Unterricht...da wird nicht gehört, da sitzt keiner auf seinem Stuhl...

Landtag stoppt "Unterrichtsgarantie plus"
 Ministerpräsident Koch und Kultusministerin Wolff warben 2006 für "Unterrichtsgarantie-plus"..... Diese umstrittene Regelung hat der Landtag am Dienstag, den 2.6.2008 wieder abgeschafft....
(Die oben eingefügten Links zu Seiten im Internet, die sich mit U-Plus auseinandersetzen, sind nicht mehr zugreifbar, als ob es U-Plus nie gegeben hätte.) 
 


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