Dietmar Seibert
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Lerntechniken

Erstellen einer imaginären Einkaufsliste
(Eine Kommentierung dieser Lerntechnik finden Sie unter Anwendung in der Praxis.)

Stellen Sie sich einen kleinen Lebenmittelmarkt vor, in dem Sie sich gut auskennen. (Wenn der Markt zu groß ist, wenn also zu viele Regale hintereinander in einer Reihe stehen, wird es schwieriger.) Es sollte daher ein kleiner überschaubarer Markt sein, mit dessen Aufbau Sie vertraut sind. (Aldi und Lidl eignen sich ebenfalls nicht so gut, weil dort die Ware nicht verbindlich immer an der selben Stelle steht.) Dann nehmen Sie sich in Gedanken einen Einkaufswagen und machen sich ihre Liste, indem Sie in Gedanken an den Regalen vorbeischlendern, deren Anordnung sie kennen. Nehmen Sie nun die folgenden Produkte aus den entsprechenden Regalen. Stellen Sie es sich bildlich vor! Setzen sie alle Sinne ein! Nehmen Sie nachstehende Beispiele, da sie für eine spätere Situation am Klavier exemplarisch sind. Sie sollten die Reihenfolge der Beispiele so wählen, dass sie in einen Rundgang durch Ihren Markt integriert sind, der schließlich an der Kasse endet!

Nun zur Liste:

Sie können nun diese Liste beliebig vorsetzen. Für mein Experiment im Unterricht reichen diese Beispiele schon aus.

Sie ahnen es sicher schon. Jetzt kommt die Frage: Was ist in ihrem Wagen?
Gehen Sie in Gedanken wieder den Weg, den Sie gegangen sind. Merken Sie , wie Ihnen alles wieder detailgetreu einfällt, jede Situation, jeder Geruch, usw.

Lassen Sie diese Liste nun ruhen und wenden Sie sich anderen Dingen zu. Rekonstruieren Sie sie erst wieder am nächsten Tag. Sie werden es nicht vergessen. Sie werden sich wundern, dass Ihnen morgen alles wieder einfällt.

Zuvor lassen Sie mich aber noch ein bißchen mit Ihrem Gedächtnis spielen. Ich kann nun quasi per Mausklick auslösen, dass Ihnen bestimmte Produkte auf ihrer Liste einfallen, indem ich Sie auf das entsprechende Regal hinweise. Jetzt, in diesem Moment sind alle Produkte auf der Liste in Ihrem Gedächtnis nur latent vorhanden. Nenne ich aber das Regal mit den Süßigkeiten... Merken Sie, wie Sie sich nicht dagegen wehren können, dass Ihnen die Gummibärchen und die Schokolade einfallen. Welche Farbe hatten die Gummibärchen? Probieren Sie es selbst. Sie brauchen sich nicht an die Reihenfolge zu halten. Es ist alles noch präsent, jede Kleinigkeit, auch das, worüber ich nichts gesagt hatte, z.B.: Wo befand sich die Schokolade? War sie links oder recht von den Gummibärchen, oder vielleicht sogar im Regal hinter Ihnen? War sie oben oder unten? Sie habe sich eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung davon gemacht und diese wird jetzt auch wieder exakt in Ihrem Gedächtnis aufgerufen. Je konkreter die Vorstellung, um so sicherer wird der Artikel wieder aufgerufen. Sie können sich, wie mit einem Mausklick, in Ihrem Markt hin- und herklicken und lösen mit jedem Regal zuverlässige Erinnerungen aus.


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Lernen in kleinen Portionen

(Eine Kommentierung dieser Lerntechnik finden Sie unter Anwendung in der Praxis.)

Lassen Sie sich einmal auf folgendes Experiment ein und lesen Sie bitte folgende Zahlenreihenfolge nur ein Mal laut durch:

 

15         20         38         12

 

Wissen Sie sie noch auswendig? -

 

Versuchen Sie es nun mit dieser Zahlenreihenfolge. (Ebenfalls nur ein Mal laut durchlesen!)

 

47      28      14      19       32      25      52

 

Sicher wissen Sie sie nicht mehr. Es ist nichts besonderes, werden Sie sagen, sie haben lediglich Ihre Merkspanne überschritten. Wäre es aber eine reine Frage der Kapazität Ihres Kurzzeitgedächtnisses, so müssten Sie doch eigentlich die ersten oder die letzten vier Zahlen zusammenhängend wiedergeben können. Das ist aber nicht der Fall. Selbst wenn Sie über eine größere Merkspanne verfügen, stellen Sie bei einem vergleichbaren Versuch mit mehreren Zahlen das Gleiche fest: Sie sind mit einem unbewussten Vorgang konfrontiert. Ihr Gehirn deklariert die Menge der Informationen unbewusst als überschaubar oder nicht überschaubar und hält sie Ihnen im ersten Fall präsent oder löscht sie nahezu komplett wieder aus, wenn es zu viele sind. Ich leite hieraus die Empfehlung der bekannten Lernstrategie ab: Lernen in kleinen Portionen. Aber Achtung!

 

Auf das Lernen/Üben am Klavier bezogen, können Sie diese Erkenntnis gezielt und effizient, aber auch ineffizient anwenden. Wollen Sie beispielsweise einen Notentext lernen, so ist es ratsam, dies in kleinen Portionen zu tun. Wie groß die Portionen sein sollten, können sie nach dem Zahlenbeispiel leicht feststellen: Spielen Sie ein kurzes Stück nur ein einziges Mal durch und überprüfen Sie anschließend, ob sie es auswendig wiederholen können. Wenn ja, haben sie die richtige Größe gewählt. Lernen Sie also in Portionen dieser Größe auf diese Weise, d.h.: spielen und anschließend zwei- bis dreimal auswendig wiederholen. Dadurch erreichen Sie, dass der gespielte Notentext aus dem Gedächtnis reproduziert wird und bald wird sich dieser Vorgang beschleunigen. Wiederholen Sie aber einen Abschnitt indem Sie ihn mehrmals hintereinander abspielen, schulen Sie lediglich Ihre Motorik, nicht aber Ihre Lesefähigkeit oder (und schon gar nicht) ihr Gedächtnis. Bald wird sich der Notentext als unkontrolliertes Bewegungsmuster im motorischen Gedächtnis festgesetzt haben und Sie wissen (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht mehr, was Sie tun. Auf diese Weise üben sie kontraproduktiv. Sie wiederholen zwar, aber lernen tun Sie nichts.

Wollen Sie aber beim Lernen eines Notentextes Ihr Vom-Blatt-Spiel schulen, verfahren Sie dieser Lernstrategie entgegengesetzt. Wiederholen Sie nur Abschnitte in einer Größe, die Ihre Merkspanne deutlich überschreitet.

 

Lesen Sie nun einmal diese Reihenfolge:

 

1           8           3           0           2           5           1           2

 

Wissen Sie sie noch? Vielleicht ist sie zu lang, aber es sind die gleichen Ziffern wie im ersten Beispiel, lediglich ist die Reihenfolge anders. Sie merken also: es kommt nicht auf die Anzahl der Ziffern an, sondern auf die Anzahl der Informationen, die diese für Ihr Gedächtnis darstellen. Im oberen Beispiel haben Sie sie strukturiert wahrgenommen, wobei sie zu vier Informationen zusammenschrumpften. Sie verstehen also, dass es beim Lernen von Notentext von größter Bedeutung ist, dass man diesen strukturiert liest. Man kann auf diese Weise einen Notentext von u. U. einer Zeile bequem als eine Information erfassen. Entscheidend ist natürlich, wie selbstverständlich dem Leser dabei die Zusammenhänge in den vertikalen und Horizontalen Strukturen dieser Zeile sind.

 


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