Dietmar Seibert
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Übetechniken

Als eine der wichtigsten Übungen hat sich nach meiner Erfahrung die >>>FINGERPRÄSENZ-ÜBUNG<<< herauskristallisiert. Sie verbessert bei regelmäßiger und sorgfältiger Anwendung das Spiel, d.h. alle angestrebten pianistischen Fertigkeiten um mindestens 60 %. Daher setze ich auch hier noch einmal einen Link zu dieser Übung.

1. Üben in Gruppen

In diesem Kapitel möchte ich den Leser ein wenig über eine Übetechnik aufklären, die Familienmitglieder meiner Schüler sicher schon zur Kenntnis genommen haben. Ich nenne es „Üben in Gruppen". Das heißt: der Schüler spielt immer nur kurze Stücke zügig (etwa 4, 6 oder max. 8 Töne) und unterbricht das Spiel wieder. Sicher verspürt hierbei der Zuhörer den Drang, den Spieler zum Weiterspielen zu animieren, besonders dann, wenn er merkt, dass der Spieler das problemlos könnte. - In diesem Kapitel jedoch alle Vorteile dieser Art des Übens zu erläutern, wäre unmöglich und sicher uninteressant, da Sie als Leser vielleicht überhaupt kein Instrument spielen. Ich beschränke mich daher auf ein Beispiel, das Ihnen die Bedeutung dieser Übetechnik etwas näher bringen könnte:

Vergleicht man das Ausführen von Musik mit dem Ausführen von Sprache, so sind die Buchstaben in einem geschriebenen Text vergleichbar mit den einzelnen Noten in einem Notentext. Ich werde im Unterricht immer wieder mit der Vorstellung konfrontiert, dass man, um Klavier zu spielen, die einzelnen Noten rasch erkennen und flink umzusetzen lernen müsse und dass man dies erreiche, indem man entsprechende Passagen nur häufig genug wiederhole. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Man wird keinen einzigen Ton wirklich lernen. Durch kopfloses, hartnäckiges Wiederholen wird man sogar verhindern, dass man ihn später weiß. Man wird lediglich erreichen, dass sich die wiederholten Bewegungsabläufe als unkontrollierte Reflexe im motorischen Gedächtnis festsetzen. (Über die wichtige, aber auch störende Funktion der Motorik äußere ich mich im Kapitel „Motorik - z.Z. noch nicht auf der Seite.)Niemand, der so spielt, kann irgendetwas an seinem Spiel ändern, geschweige denn es beherrschen. Es ist natürlich auch nicht möglich in einem virtuosen Notentext, während des Spiels, in einzelnen Töne mitzudenken, ebensowenig wie man beim Lesen oder Sprechen eines geschriebenen Textes in Buchstaben denken kann. Würde es jemandem dennoch gelingen, so wäre er sicher voll und ganz damit beschäftigt, aber er würde wohl kaum noch „musizieren".

Es wäre also fatal, einen Notentext in einzelnen Noten begreifen zu wollen. Ein Notentext muss strukturiert gelesen und umgesetzt werden. Für ein sicheres und kontrolliertes Ausführen von Bewegungsmustern heißt das: sie müssen in kleinen überschaubaren Gruppen angelegt werden, die dem Spieler auch unabhängig zu Verfügung stehen, ähnlich der Wörter beim Sprechen. Für diese kleinen Gruppen gilt nun, dass sie immer wieder auf ihre Verfügbarkeit überprüft werden müssen. Die Verfügbarkeit der einzelnen Gruppen ermöglicht dem Spieler ein „im Kopf aufgeräumtes" und „steuerbares" Spiel.

Zur Verdeutlichung bleibe ich in Bildern aus der allgemeinen Linguistik:

Buchstabieren Sie das Wort „einverstanden".....

Wie lange hat es gedauert? Versuchen Sie es noch einmal schneller .... und noch schneller! - Merken Sie wie schwierig es ist, in dieser Weise Sprache auszuführen? Es ist Ihnen klar, dass man nicht in Buchstaben, sondern mindestens in Wörtern denkt (eigentlich sogar in ganzen Sätzen).

Nicht anders verhält es sich beim Musizieren. Wer einmal einen instrumentalen Notentext in die Hand nimmt, erkennt, dass 8tel- oder 16tel-Noten stets in Gruppen unter einem Balken geordnet sind. Stellen Sie sich diese Gruppen nun wie Wörter vor. Um sich die sensomotorischen Abläufe im Gehirn zu verdeutlichen, sprechen Sie einmal die Wörter: „einverstanden  unverstanden  missverstanden" zügig hintereinander. Verändern Sie nun beim Sprechen willkürlich die Reihenfolge und Sie merken, wie sie das jeweils nächste Wort planen, während Sie das eine aussprechen. Die optisch sichtbaren Lücken zwischen den Wörtern sprechen Sie nicht. Sie müssen aber sichtbar bleiben, sonst können Sie den Text nicht wahrnehmen. So etwa sollten die sensomotorischen Prozesse beim Musizieren ablaufen. Verlässt ein Spieler aber das „Üben in Gruppen", verwachsen die Bewegungsmuster im Kopf und werden (verbildlicht) vom Gehirn etwa so verstanden: „einverstandenunverstandenmissverstanden" Häufig unterbrechen Spieler ungeplant und unregelmäßig die Bewegungsabläufe, was noch fataler ist. Dann nämlich organisiert sich der Notentext in den Gedächtnisstrukturen etwa so: einver stand enun verstand enmissver standen" und beim nächsten Durchgang wieder anders. Die Folge: die Bewegungsabläufe und kognitiven Prozesse beim Spielen laufen völlig unkontrolliert und unkoordiniert ab. In einer solchen Situation wirken die Anweisungen eines Klavierlehrer geradezu makaber, denn sein Schüler wird nicht in der Lage sein, diese umzusetzen. Entscheidend dafür, ob ich einem Schüler wirksame Anweisungen im Unterricht geben kann, ist, dass er den Notentext in Gruppen beherrscht.


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2. Anschlagsarten zum Erlernen virtuoser Werke

Anschlagsarten:

          Gewichtstechnik

  1. mit fallendem Unterarm (wippen)
    -aus dem Ellenbogengelenk,
    -Handgelenk wird dabei passiv mit bewegt,
    -runde, feste Finger, die das Gewicht des fallenden Armes auffangen
    -Oberarm ruhig.

    1a. auch alternativ wie oben, nur dass hier die Finger in den Arm stoßen.

  2. mit fallender Hand (Hand fällt passiv mit allen Fingern auf die Tasten, wobei nur einer spielt),
    -hierbei Oberarm und Unterarm ruhig,
    -die Hand wird im Handgelenk aktiv angehoben und fallengelassen,
    -alle nichtspielende Finger fallen locker auf die Tastenoberfläche,
    -nur der/die spielende/n Finger fängt/fangen das Gewicht der Hand auf
    -immer auf den Moment konzentrieren, wo die Hand in der Taste ruht.

    2a. auch alternativ wie oben, nur dass hier die Finger in die Hand stoßen. Der Stoß darf nicht im
    Arm spürbar sein.

  3. mit Gewicht des Armes (Arm wird von den Fingern getragen),
    -runde, feste, leicht ziehende Finger,
    -deutlichen Fingerwechsel, aber die Finger an d. Taste lassen,
    -das Gewicht des Armes wird nur auf den anderen Finger übertragen, bzw. von ihm abgenommen,
    -hierbei schlagen die Finger nicht aktiv an,
    -der Fingerwechsel muss „plötzlich" sein,
    -Arm hängt wie eine Hängebrücke,
    -Arm wird aus dem Ellenbogengelenk geführt.

    Fingertechnik  

  4. mit hohen Fingern (ohne Gewicht),
    -Unterarm rechtwinklig zum Oberarm über die Tastatur halten,
    -Hand loslassen und mit hohen, schwungvollen Fingern aus dem hinteren Fingergelenk auf die Tastenoberfläche spielen,
    -Taste nicht bis zum Tastenboden anschlagen, damit gewährt ist, dass nur der Schwung aus dem Finger den Ton bildet,
    -dabei auch mal auf eine deutliche „Rausbewegung" der Finger achten. D.h. den jeweiligen Finger nach dem Anschlag weit hochreißen,
    -mit diesem Anschlag auch verschieden akzentuiert bez. rhythmisiert spielen.

  5. Fesselstudie: Um die reine Fingertechnik und die Unabhängigkeit der Finger untereinander zu schulen empfiehlt es sich auch, mit unangenehmen Positionen die Fesselstudie zu üben.
    -Hierbei hält man in einer Position alle Tasten mit den Fingern am Tastenboden und spielt mit hohem Fingerschwung jeden Finger etwa vier mal (evtl. auch zur jeweiligen Nachbartaste wechseln, wenn diese in der Position frei ist).

    Mischtechnik

  6. Mischtechnik: Hierbei fließen die verschiedenen Anschlagsarten gefällig ineinander.
    -Der Arm wird in ökonomischen, runden Bewegungen geführt (aus dem Ellenbogengelenk wie bei Anschlagsart 1) und die Finger laufen mehr oder weniger aktiv unter den Armbewegungen mit.
    -Das Tempo bestimmt hierbei die Armbewegung, ähnlich der Dirigierbewegung eines Dirigenten, unter der sich, wenn die Musiker ihr folgen, das Tempo und die Dynamik der kleineren Notenwerte von selbst organisiert.

  7. Beim Üben der Mischtechnik ist es sinnvoll, entsprechende Passagen in unterschiedlichen Tempi zu arbeiten, ggf. auch geeignete Passagen zu accelerieren. Hierbei ist auf äußerste Ökonomie der Bewegungen zu achten, d.h. auf kleinst erforderliche Bewegungen. Die Bewegungen müssen natürliche "Sympathiebewegungen" werden. Zu große Bewegungen würden das Spiel empfindlich stören.  

  8. Üben ins Tempo
    a) von unten: Man spielt eine Passage zunächst in einem bequemen, leicht spielbaren Tempo und steigert sie allmählich bis zum Zieltempo.
    b) von oben: Man spielt gleich das Zieltempo, allerdings nur in kurzen Impulsen oder Gruppen und erweiter diese zu immer größeren Gruppen bis schließlich die ganze Passage steht.  


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...Den neurophysiologischen Studien von R. Beisteiner (Wien) zufolge erscheint als effektive Übemethode eine Kombination aus praktischem und mentalem Üben mit einer hierbei exakten Vorstellung des Gefühls durch den Probanden...  aus http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=5230

Seit Jahren erfolgreich eingesetzte Übungen zu diesem Thema werde ich in nächster Zeit noch einstellen.


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