Dietmar Seibert
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Briefwechsel zum Thema Atmung am Klavier

Studentin C

Sehr geehrter Herr Seibert,

ich bereite mich derzeit auf die letzten Prüfungen meines Psychologiestudiums vor und habe in diesem Zusammenhang eine Frage, bei der ich um Hilfe aufgrund Ihre Expertise bitte. Ich habe auf Ihrer Seite gelesen, dass Sie sich u.a. mit neurologischen Zusammenhängen befassen, und so hoffe ich, dass mein Anliegen sich nicht so sehr exotisch ausnimmt.
Ich habe eine Studie gelesen, in der neun Pianisten ein Experiment durchlaufen haben, und für dessen Ergebnisinterpretation u.a. die Atemung eine Rolle spielt. Ich habe selbst einmal Klavierunterricht gehabt, wenn ich es richtig erinnere, wurde der Atmung jedoch von keinem meiner ungefähr fünf Lehrer größere Aufmerksamkeit geschenkt. In der Studie handelt es sich jedoch um professionelle (japanische) Pianisten, die alle mindestens 19 Jahre Training erfahren haben. Die Autoren überlegen aufgrund physiologischer Befunde, ob die Musiker an einer besonders konzentrationsstarken Stelle des Stücks den Atem angehalten haben könnten. Man kennt es aus Alltagssituationen, dass man sich bei hoher Konzentration anspannt, und u.U. weniger atmet. Meine Frage lautet nun: Würden professionelle Pianisten es nicht lernen, gerade auch in Momenten stärkerer Konzentration und Anspannung beim Spielen regelmäßig und durchgängig zu atmen? Wissen Sie, ob dies normalerweise einen Aspekt in der Ausbildung darstellt? Ich würde mich freuen, wenn es Ihnen möglich wäre, mir mit einer Antwort auszuhelfen, und sollte sich das Anliegen leichter per Telefon erklären lassen, würde ich mich gerne bei Ihnen melden.

Mit freundlichen Grüßen, C.
 

Seibert

Sehr geehrte Frau C.

es ehrt mich, dass Sie mich mit der spannenden Frage nach der Atmung beim Klavierspielen konsultieren. Zunächsteinmal muss ich sagen, dass ich die von Ihnen erwähnte Studie nicht kenne und dass bei mir in der Klavierpädagogik die Atmung bisher noch keine herausragende Rolle spielte. Allerdings ist die Atmung, wenn sie beim Spiel auffällig unregelmäßig wird, ein deutliches Indiz für eine innere Anspannung, die möglicherweise beseitigt werden muss. Ich möchte Ihnen trotzdem so gut ich kann antworten.

Jeder Mensch neigt bei einer konzentrationsmäßigen „Überspannung" (ich möchte es einmal so nennen) zu irgend welchen unterschiedlichen Marotten, über die er ein Ventil findet. Das ist nicht nur bei Laien, sondern auch bei Profis zu beobachten, deren vordergründiges Interesse auf das Spiel ausgerichtet ist, nicht aber auf die Körperhaltung oder den Gesichtsausdruck. Von Glenn Gould weiß man (man hört es sogar auf Aufnahmen), dass er während des Spiels mitgesummt hat. Manche Pianisten schneiden auch übertriebene Fratzen oder schnaufen, was im Publikum natürlich nicht hörbar ist. Ich selbst neige zu der Marotte, mitzusummen, was ich Ihnen noch begründen möchte.

Das jemand bei einer besonders konzentrationsintensiven Stelle mit der Atmung aussetzt, kann durchaus sein, aber ich glaube nicht, dass es ein Reflex ist, der dem Spiel förderlich ist, sondern eher eine Marotte, die es besser wäre, zu vermeiden. Wenn man anstrebt, souverän über jeder Stelle zu stehen, wird man sicher auch ausgeglichen atmen und deshalb würde ich den pädagogischen Ansatz immer in der Spieltechnik suchen, nicht aber in der Erziehung zu einer ausgeglichenen Atmung. Nach meiner Meinung nützt es nichts, wenn jemand versucht, ausgeglichener zu Atmen, während er nicht souverän weiß, was er in der Tastatur tut.

Natürlich gibt es Stellen oder Passagen, die rein physisch anstrengend sind. Hierbei kommt man manchmal binnen Sekunden außer Atem, was jedoch dazu führt, dass man eher schneller atmet, als dass man mit dem Atem aussetzte. Die erhöhten Frequenzen der Atmung und des Pulsschlags nach physischer Anstrengung in einer Stelle führen aber dazu, dass man geneigt ist, schneller zu spielen als vorher und hier bekommt die Atmung in meinem Klavierunterricht schon eine Bedeutung. Um diesen Effekt sollte man als Pianist wissen und mit einem geschärften Gespür für den Körper und die Musik darauf reagieren. Trügerisch ist nämlich: man merkt es beim Spielen oft selbst nicht, doch der Zuhörer nimmt es wahr. Wenn Sie Klavier spielen, kennen Sie sicher den Effekt, wenn einen in solchen Situationen das Metronom maßregelt. Manchmal gehen auch die Emotionen mit einem durch und man spielt zu schnell, was auch mit einer schnelleren Atmung und inneren Erregung einhergeht.

Ein anderer Aspekt ist die Atmung als Indiz für eine innere Anspannung und Angst vor einer schwierigen Stelle, wie ich schon erwähnte. Hier ist die Atmung allerdings nur ein Indiz. Bei unbegabten Schülern, insbesondere bei Kindern, sind die Phänomene der inneren Anspannung am offensichtlichsten. Manche beißen sich auf die Lippen oder sabbern, manche heulen auch, ohne dass sie traurig sind. Fast jeder (auch Erwachsene) rutscht unruhig auf dem Klavierhocker, wenns eng wird. Viele geben, wenn's eng wird, zuviel Pedal usw.

Ich beobachte allerdings bei mir selbst eine starke Abhängigkeit der zwischen der neuronalen Steuerung der Finger (Hände/Arme) und dem Sprachzentrum (damit latent ja auch mit der Atmung). Sprache denken ist dagegen kein Problem. Wenn ich während des Spiels reden will (hierbei ist natürlich entscheidend, wie anspruchsvoll die gespielte Passage ist), ist es mir nicht möglich, zeitgleich zu spielen, es sei denn, ich übe es gezielt.

Hierzu muss ich sagen, dass mir einmal einer meiner Lehrer empfahl, wenn ich eine schnelle Passage nicht spielen könne, sollte ich sie singen - wenn ich sie singen könne, ginge sie auch zu spielen. Diesen wirksamen Rat habe ich mir wohl etwas zuviel zu Herzen genommen, daher auch meine Neigung zum Mitsummen während des Spiels. Es gibt eine starke wechselseitige Abhängigkeit zwischen Fingerbewegung und Sprachzentrum. Kaum einem Schüler gelingt es auf Anhieb, während des Spiels den Takt laut mitzuzählen. Die Abhängigkeit zur Atmung sehe ich dagegen eher untergeordnet.

So, ich hoffe, Sie können mit meiner Antwort etwas anfangen.

Mit freundlichen Grüßen
Dietmar Seibert

 

 


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