Dietmar Seibert
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Politisches

Tja, der Guttenberg...

(Auszug aus einem Brief an Dr. Wolfgang N. vom 1.3.2011)
...ist vielleicht ein bisschen scharf formuliert, überlege, ob ich ihn bald rausnehme.

Tja, der Guttenberg, das ist so eine Sache. Ich kann seine Popularität eigentlich gar nicht verstehen. Das liegt sicher daran, dass ich anders ticke. Ich hatte nie Idole. Was den Guttenberg betrifft, würde ich mich einerseits Einträgen in facebook anschließen, wie: „Was hat er den schon gemacht?", allerdings mit dem Zusatz: „Welcher Politiker ist denn kein Betrüger?" Ich erinnere mich noch an die Bundestagswahl 1998. Schröder warb damals mit einem Themen-Plakat auf dem ein lächelnder Junge mit Zahnlücke abgebildet war und der Überschrift: „Wir wollen nicht, dass man Reiche und Arme in Zukunft schon am Lächeln erkennt."
(http://www.gwa.de/images/effie_db/1999/92677_158_SPD.pdf) Nach der Wahl hat diese Regierung das Land mit Agenda 2010 geknebelt, bis Arme nichts mehr zu lächeln hatten. Nach seiner Abwahl als Bundeskanzler wurde Schröder Aufsichtsratvorsitzender des Pipeline-Konsortiums NEGP-Company, womit er, als er noch im Amt war, Verträge abgeschlossen hatte. Wofür hat der eigentlich nochmal seinen Ehrendoktor bekommen?

Ich kann andererseits aber auch verstehen, dass sich die akademische Welt pikiert, weil da einer geistiges Eigentum anderer stielt und für sich verwendet. Doch wo in der alltäglichen Arbeitswelt passiert das nicht und es kräht Hahn danach. Wo werden nicht Ideen geklaut und als die eigenen verkauft. Das schmücken mit fremden Federn ist längst gesellschaftsfähig geworden, leider. Ich bin auch dafür, dass es nicht geduldet wird. Und doch frage ich mich, wo es da eigentlich noch um die Sache geht, wenn wegen eines Textplagiates die Revolution ausbricht?

Was war denn eigentlich das Credo seiner Doktorarbeit, was für die Welt von Nutzen gewesen wäre? Er hat schließlich Bestnoten bekommen. Wer hat die eigentlich gegeben? Oder hätte die Wissenschaft auf diese Arbeit auch verzichten können, weil es die Texte ohnehin schon gab? Oder hat nicht da die Wissenschaft ein wenig den Überblick über ihr Wissen verloren?

So redet der Dilettant, ich weiß. Aber damit bin ich bei der Frage, für wie „voll" wir überhaupt noch die Strukturen in Wissenschaft und Politik nehmen können. Der Dilettant ist nämlich Wahlberechtigt und entscheidet latent mit über den Umgang mit Themenbereichen, die so komplex geworden sind, dass sie die Wissenschaft selbst nicht mehr versteht. Die Mandatsträger, die sein Interessen vertreten, sind zu Popstars geworden, die ein neues Album herausbringen und um Gefallen buhlen. Es geht um Beliebtheiten von Personen, nicht mehr darum, dass die Probleme unserer Zukunft gelöst werden.

Ich habe im Übrigen noch nicht herausfinden können, was der Guttenberg eigentlich geleistet haben soll. Seine Doktorarbeit behandelte offenbar die Verfassung und den Verfassungsvertrag. Als Wirtschaftsminister war er plötzlich in allen Abendnachrichten: Er habe sich in den Verhandlungen um die Opel-Werke verdient gemacht. Aber was genau hat er denn da gemacht? Als Betriebswirt würde ich bezweifeln, dass er von den wirtschaftlichen Chancen und Risiken dieses Unternehmens viel verstanden hat. Die Verträge, die er unterzeichnet hat, wurden doch von anderen ausgearbeitet. Ich würde sogar bezweifeln, dass er sie im Detail gelesen hat. Er war der Popstar, den die Medien als Retter hochjubelten, weil er Kraft seines Amtes ein paar Zugeständnisse aus unser aller kollektivem Pormonee machen durfte. Ich habe ihn im Übrigen noch nie in der Sache Diskutieren und Argumentieren hören und ich sehe auch nicht gerade selten fern. Für Anne Will hatte er offenbar keine Zeit gefunden, oder war er einmal dort und ich habe es verpasst? Dafür aber um so mehr für den Talkmaster J.B.Kerner.

Der Verfassungsexperte, der als Wirtschaftsexperte umjubelt wurde, wurde schließlich kurzerhand bei der Kabinettsumbildung von Frau Merkel Verteidigungsminister. Hier wurde er zum wahren heroischen Helden aufgewertet. Er reiste mit Frau und Talkmaster Kerner in Schusswesten nach Afganistan und machte den Krieg zur Talkshow. In der Beliebheitsskala hielt er sich ganz oben. Wie dumm doch alle Doktoren und Professoren sein müssen, die lebenslänglich in ihren Fachgebieten herumtümpeln, wenn so einer doch alles kann. - Und dann kann er so einfach gehen. War seine Leistung überhaupt nichts wert und seine Arbeit für das Land vollkommen unwichtig? Ist er so leicht ersetzbar?

Ich finde es von je her lächerlich, wie die Ministerämter, je nach Popularität, hin- und hergeschoben werden wie Spielkarten. Hat sich nicht der Schäuble während der ganzen letzten Legislaturperiode mit Überwachungskameras und Personalausweisen befasst und jetzt ist er plötzlich der Finanzexperte? Wobei ich glaube, dass er davon mehr versteht. Er war unter Kohl schon immer der Mann fürs Detail. Von den anderen Pappnasen, Jung-Minister und Quoten-Ministerinnen will ich gar nicht reden. Sie wechseln ihre Kompetenzen wie ihre Hemden und Blusen, dabei sind sie im politischen Geschäft doch noch grün hinter den Ohren. Die Künast halte ich dagegen für kompetent. Sie hat sich in den ganzen Jahren nahezu in jedes Reizthema hineingearbeitet und gibt zu, wenn sie von etwas nichts versteht. Jetzt will die abtreten und sich in den Sessel vom Wowereit setzten.

Ist die Tagespolitik nicht ohnehin nur ein amüsantes Kasperle-Theater? Kein wunder, dass das Volk heute nicht mehr vom politischen Treiben verstehen will, als was die Frau vom Guttenberg auf irgendeinem roten Teppich trägt. Wie sagte einmal eine Schülerin in meinem Unterricht so treffend: „Machen Sie sich nichts draus. Frauen sind immer schöner als Männer." :-)

Dietmar Seibert 1. März 2011


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