Dietmar Seibert
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Ratsame Übungen

Versuche mal jemand den 4. Zeh am rechten Fuß zu lokalisieren. Man spürt ihn nicht oder kaum, jedenfalls nicht isoliert von den anderen. Versucht man das mit dem 2. Finger der rechten Hand, ist das kein Problem. Der Grund: der Finger hat in dem ensprechenden Areal im Gehirn eine größere Präsenz. Man kann ihn auch isoliert von den anderen Fingern bewegen (hoffentlich). Und schon spürt man die Eingeschränktheit der Fingerunabhängigkeit. Bewegt man beispielsweise den 3. Finger der Hand, bewegt sich gern der 5. in entgegengesetzter Richtung mit. Um diese Unabhängigkeit zu stärken bedarf es einer entsprechenden Fingerpräsents aller 10 Finger gleichzeitig.

Zur Übung: Ähnlich wie beim Autogenen Training legt man in einer entspannten Haltung die Hände auf die Oberschenkel und versucht alle 10 Finger gleichzeitig ins Bewusstsein zu holen und sie dort zu halten. Sicher gelinkt es nicht auf Anhieb oder man weiß nicht recht, ob es so richtig ist, wie es einem gelingt. Jetzt „schaltet man die Finger wieder ab", ich bezeichne es einmal so und geht dann einen nach dem anderen durch. D.h.: man beginnt in beiden Händen spiegelbildlich mit dem 1. Finger und versucht ihn einfach nur deutlich zu fühlen. Man fühlt, wie er auf dem Oberschenkel liegt, fühlt vielleicht das Muster der Hose. Man konzentriert sich so intensiv auf den 1. Finger, dass die anderen quasi ausgeblendet werden. Einen Finger deutlich zu spüren gelingt sicher jedem. Nun nimmt man den 2. Finger in beiden Händen dazu und achtet darauf, dass die deutliche Wahrnehmung des 1. Fingers nicht verschwimmt. Dann den 3. Finger dazu. Es wird immer schwieriger, alle Finger auf dem (ich nenne es einmal) Bildschirm zu halten. Wie gesagt, die andern Finger erscheinen durch die Konzentration auf die bezeichneten Finger wie ausgeblendet. Schließlich hat man alle fünf (bzw. zehn) Finger gleichzeitig auf dem „Bildschirm", was den wenigstesn auf Anhieb gut gelingen wird. Jetzt nimmt man die Finger in der gleichen Weise nach und nach wieder weg bis man schließlich nur noch einen hat. Danach kann man nochmal versuchen, alle 10 Finger gleichzeitig aufzurufen und man merkt meistens schon, dass es einem besser gelingt, als am Anfang. Diese Übung sollte man regelmäßig durchführen. Sie ist leicht! Das Problem ist nur, dass man vergisst, sie auszuführen.

Man sollte sich Gedächnisstützen schaffen, die einen daran erinnern sie zu machen. Manche Schüler kleben sich einen Aufkleber an ihren PC, die Nachttischlampe o.ä.

Die Fähigkeit, sich während des Spiels auf alle 10 Finger (natürlich später das Handgelenk, die Arme, Sitzhaltung usw. inbegriffen) gleichzeitig zu konzentrieren, nenne ich Fingerpräsenz. Oft haben die Finger während des Spiels die unterschiedlichsten Formen der Anspannung: da gibt es einmal die „Vorweganspannung". Ein oder mehrer Finger verspannen unmittelbar bevor sie in die Tasten greifen (was ganz unterschiedliche Gründe haben kann). Das gibt es die „Aufschlagsanspannung": eine Verspannung die etwa wie ein Zucken in dem Moment den Finger oder die Hand durchzieht, in dem er auf die Taste aufschlägt. Dann gibt es noch die „Restanspannung", oder „Nachhaltige Anspannung", die nach dem Anschlag verspürt wird und die erst allmählich abklingt. Sicher kennt jeder die „Parallelanspannung". Ein oder mehrere Finger verspannen, während ein anderer spielt.

Um alle diese Anspannungsarten zu lokalisieren und letztlich zu eliminieren, bedarf es einer permanenten Kontrolle aller Finger vor, während und nach dem Anschlag. Je filigraner man den Zustand der Finger (und es geschieht immer im Gehirn) untersucht, um so höher ist die Aufmerksamkeit auf die Physionomie der Hand ausgerichtet und um so stärker entwickelt sich das, was ich Fingerpräsenz nenne.

Die Fingerpräsenzübung kann man leicht ins alltäglichen Leben einfließen lassen: an der Ampel an der Bushaltestelle wo immer man einen Zustand des Wartens erlebt, einfach einmal die Finger „aufsuchen", spüren, so sie sind, sie alle durchgehen und eine Zeit gleichzeitig im Bewusstsein halten.  

WICHTIG! Man sollte diesen Vorgang auch immer wieder bewusst abbrechen. Lässt man die Finger dem Bewusstsein einfach wieder entgleiten, so lernt man fatalerweise diesen Vorgang mit, und den möchte man ja gar nicht können

Am Ende dieser Seite finden Sie eine erweiterte Form, die ich etwa nach ein bis zwei Wochen empfehlen würde. Die Fingerpräsenz ist die wichtigste Grundlage für alle Arbeit an der Technik und wer bisher auf motorischen Drill gesetzt hat, hat sie bereits verloren und muss sie wieder auf bauen.

Erweiterte Form der Fingerpräsnzübung:

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