Dietmar Seibert
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Motorische Falle

Die „Motirische Falle"

Wer kennt das nicht: man spielt eine Stelle, die man schon unzählige Male geübt hat und weiß eigentlich gar nicht, was man da tut. Ich habe diesbezüglich einmal eine Schülerin überführt, die mir stolz ein Stück auswendig präsentierte, was sie rein motorisch - wie man sagt - in die Finger geübt hatte. Ich zeigte auf eine beliebige Stelle und prophezeite, dass Sie sich dort beim nächsten Durchgang verspielen würde. Natürlich kam es so. Sie blieb stecken und fand sich auch beim erneuten Versuch nicht mehr zurecht. Die Stelle schien plötzlich wie verhext...

Was war passiert? Es ist ganz einfach: Unser Gehirn verfügt über eine lebenswichtige Funktion: die Motorik. Sobald wir Bewegungsmuster wiederholen, werden sie von einem Areal im Gehirn gescannt und von dort aus unbewusst gesteuert, damit unsere Aufmerksamkeit wieder freigeschaltet ist. (So zumindest kann man es sich vorstellen.) Ich habe diesen Satz einmal fett geschrieben, weil ich ihn für außerordentlich wichtig halte. Jeder, der Klavier spielt, sollte sich über diesen „Mechanismus" im Klaren sein. Und jeder, der Klavier unterrichtet oder selber spielt, wird, wenn er seine Beobachtungen unter die Lupe nimmt, diesen Satz unterstreichen können. Es handelt sich nicht etwa um eine Erfindung von mir. Die „Motorische Falle" ist „Biologie", wenn man so will, und damit unumstößliche Naturwissenschaft.

Je mehr man dieselben Bewegungsmuster wiederholt um so schwerer fällt es einem am Ende, sich darauf zu konzentrieren. Man kämpft gegen eine bereits von Natur aus angelegte Hirnfunktion an, die für unser alltägliches Leben unerlässlich und sogar überlebenswichtig ist. So kann also derjenige, der hartnäckig dagegen kämpft, sicher gehen: diese Hirnfunktion wird gewinnen. Die Aufmerksamkeit wird „freigeschaltet" werden oder besser gesagt: sie von den gespeicherten Bewegungsmustern weg, hin zu anderem gelenkt werden. Unter Umständen wird der bewusste Zugang zu den gedrillten Stellen ganz blockiert werden. Andere sprechen in diesem Zusammenhang von „überübten Stellen". Hier ist nichts mehr zu bewegen. Jede Wiederholung regt diese die Aufmerksamkeit ausblendende Funktion der Motorik an und je stumpfsinniger man wiederholt, um so massiver wird es. Die Motorik hat durchaus ihre positive Effekte, das will stelle ich nicht in Frage. Aber sie sollte lediglich unterstützend agieren, nicht aber die Regie übernehme!

Es ist ja nicht so, dass wir unsere Aufmerksamkeit bewusst abschalten würden. Es geschieht von selbst. Es geschieht in unerwünschtem Ausmaß und, schlimmer noch: schließlich ist die Aufmerksamkeit bereits vor Beginn eines entsprechendes Bewegungsablaufs blockiert und führt ungewollt zu nicht beeinflussbaren physischen Verspannungen. Oft gelingt es einem Spieler selbst bei massivster Anstrengung nichteinmal mehr festzustellen, welchen Ton er da oder dort spielt, geschweige denn, mit welchem Finger er die Taste bedient. Im immer wieder empfohlenen langsamen Tempo geht dann plötzlich auch nichts mehr und das separate Spiel beider Hände erscheint so fremd, als würde man ein neues Stück lernen. Ich nenne diesen Zustand: „Eine Stelle ist abgestürzt" D.h.: ich würde es so nennen, denn ich versuche natürlich mit all meiner Überzeugungskunst zu verhindern, dass das bei meinen Schülern passiert.

Das Phänomen der Motorik findet man quer durch die Klavier-pädagogische Literatur beschrieben, nur hat man es meiner Meinung nach nicht (oder zu wenig) aus diesem Blickwinkel heraus verstanden. Allzuoft wird die Motorik völlig falsch verstanden. Es fallen Aussagen wie: ...bis etwas sitzt, oder ...bis man es in den Fingern hat... oder bis es die Finger verstanden haben... usw. Die Finger können nichts verstehen! Diese Aussage heißt nichts anderes als dass „sich bereits der Kopf verabschiedet hat." Wenn man durch bildgebende Verfahren sichtbar gemacht sieht, wie es im Gehirn aussieht, wenn ein Laie und ein Profi Klavier spielt, begreift man den Unterschied schnell.

Wer streng nach der Russischen Schule unterrichtet wurde, dem erscheint das Problem in dieser Form wohl weniger bedeutsam, was nicht heißt, dass es nicht existiert. Durch permanente disziplinierte Kontrolle über jede kleinste Nuance und Änderung der Aufmerksamkeit fließen genügend Störungen in die Bewegungsmuster ein und lassen sie dem Gehirn wieder als aktuell erscheinen. Aber der ahnungslose Laie und insbesondere die zahllosen Opfer vieler „Just-for-funn-Methoden" sind der Motorischen Falle hoffnungslos ausgeliefert.

Ich sehe das Problem mit Motorik so: Die Möglichkeit zu einer Verbesserung eines Bewegungsmusters besteht eigentlich nur in einem kleinen Zeitfenster, nämlich zwischen dem Zeitpunkt, ab dem der Verstand halbwegs kapiert hat, wie eine Stelle geht und dem, ab dem es die Motorik verstanden hat. Jenseits dieser Schwellen ist keine wirkliche Verbesserung mehr möglich. So erklärt es sich auch, dass die berühmten 20% Niveau die zu 100% fehlen wesentlich mehr Übezeit erfordern, als die 80% davor.

Um der „Motorischen Falle" zu entgehen, muss das genannte „Zeitfenster" erweitert oder umgangen werden.

Es sind zunächsteinmal die „Störungen", die das Zeitfenster erweitern. Um einige wenige zu nennen, weise ich auf das -Langsame Spiel hin. Je langsamer jemand spielt, um so aufmerksamer muss er sein. Die Motorik wird empfindlich gestört oder setzt sogar aus.
-Auf die Arbeit mit verschiedenen Rhytmisierungen (s. Cortot),
-mit verschiedenen Fingersätze oder
-das Transponieren in andere Tonarten, wie es z.B. bei Hanon gefordert ist.
-Separates Spiel beider Hände ist auch nicht zu verachten, es sei denn, es mutiert zu neuer, eigenständiger Motorik.

All diese Übungen (und man könnte hier unzählige anhängen) bewirken in Bezug auf die „Nur-Motorik", dass sie gestört wird. Sie machen die Stellen für unser Gehirn immer wieder neu und damit „künstlich" interessant. Sie lassen wieder Aufmerksamkeit zu. - Oder anders gesagt: Sie lösen Aufmerksamkeitsblockaden! Das richtige Verständnis und der Umgang mit der Motorik ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu selbständigem, erfolgreichen Üben. Auch das in Fundamentels of pianopratice als quasi „Allheilmittel" beschriebene mentale Spiel bewirkt nach meiner Erfahrung letztlich ebenfalls bewussteren Zugang zu den gefährdeten Bewegungsmustern, jedoch führt es nicht zwangsläufig aus der Not.

Ich halte all diese Mittel für außerordentlich wichtig, stelle daneben aber auch zur Disposition: Wer in der Arbeit am Klavier weniger bluten will, beschäftige sich mit meiner „Fingerpräsenzübung". Hierbei wird das genannte Zeitfenster umgangen. Es wird mit einem ganz einfachen Mittel (was manchem wie eine Variante des Autogenen Trainings vorkommen mag) die Fähigkeit zu äußerst differenziertem Spiel erworben, ohne dass überhaupt Bewegungsmuster stattfinden und, wie ich finde, eine Fähigkeit, die man ohne diese Übung überhaupt nicht erreicht (von außergewöhnlichen Naturbegabungen einmal abgesehen). Dazu ist die Fingerpräsenzübung überall durchführbar. Man brauch kein Klavier: im Auto, an der Ampel, beim Radfahren, beim Fernsehen (zumindest während der Werbeblöcke)....

Mit Unterstützung dieser Übung in die Tasten greifen erscheint dem Probanden, als ob jemand im Dunkeln ein Licht einschaltet.

Als weitere Möglichkeiten, der Motorischen Falle zu entkommen will ich noch das Üben in Gruppen nennen. Aber auch hier sollte man verschiedenes beachten, was aus dem oben beschriebenen Blickwinkel heraus logisch erscheint: z.B. die Lücken zwischen den Gruppen unregelmäßig lange lassen, damit sich diese Spielweise nicht als ein Rhythmus etabliert, der wiederum in der Motorischen Falle landet... und vieles mehr.

Dann sei noch die Unabhängigkeitsügung erwähnt. Auch sie unterstützt einen Bewusten Zugang zu Bewegungsmustern, bzw. Teilen von Bewegungsmustern die aufgrund der natürlichen Abhängigkeit zwischen der rechten und der linken Hand entstehen.

Nach meiner langjährigen Erfahrung als Klavierpädagoge, der Spaß an seinem Job hat, sage ich: ich bedauere jeden Kollegen, der bei seinen Schülern mit der „Motorischen Falle" konfrontiert ist und nicht weiß, wie er ihr begegnen soll. Hilflosigkeit und Frustration auf beiden Seiten sind die Folge - schrecklich!


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